Ein (Selbst-)Portrait: Sigita Rakauskait, START-Stipendiatin

Ein (Selbst-)Portrait: Sigita Rakauskait, START-Stipendiatin

von Sigita Rakauskait • Artikel im ZMI Magazin 2009, S. 37

Damals war ich 13. so lange ist es gar nicht her. Vor sechs Jahren, angekommen in Köln, hörte ich mein erstes deutsches Wort, es war ein „Willkommen!“ Was es bedeutete, willkommen zu sein, lernte ich erst später.
Damals war ich klein und ich fing auch klein an. Ein großes Glück hatte ich, als ich auf dem Genoveva-Gymnasium landete. Begleitet wurde das Glück aber von einer Enttäuschung, da ich trotz 1,0-Schnittes die sechste Klasse wiederholen musste. Diese Enttäuschung galt es aber schnell zu kompensieren. Ich besuchte nachmittags den Deutschförderunterricht und belegte je zwei Kurse pro Halbjahr. Weil meine Muttersprache, Litauisch, keinem etwas sagte, erkannte ich schnell, wie wichtig und notwendig es ist, Deutsch sprechen zu können.
Nach meinem ersten stillen Jahr in Deutschland, überwand ich endlich meine Sprachbarriere und traute mich zu sprechen. Ich besuchte regelmäßig Rhetorikseminare und verreiste über ein Wochenende auf Fortbildungen zu Themen wie Politik, Wirtschaft, Journalismus.
Nach meinem ersten Jahr kam der Ball ins Rollen: Ich wurde Klassensprecherin, fing an in der Musik-AG Klavier zu spielen, schrieb die ersten Artikel für die Schülerzeitung, gab mehreren Schülern Nachhilfe in Latein. Dieses hier so genannte soziale Engagement, das für mich in meinem Heimatland eine Gewohnheit war, wurde damit belohnt, dass ich in der 8. Klasse überspringen durfte und das verlorene Jahr aufholte.
Nach einem weiteren Jahr fing ich mit dem Beginn des 10. Schuljahres im Rahmen des Projektes „Schüler an der Universität“ an, Pädagogik auf Lehramt für Gymnasien zu studieren. Das Studium erfüllte mich viel mehr als alles andere, das ich bisher gemacht hatte.

Aber es wäre nur zu vollkommen gewesen, wenn alles sich so märchenhaft für mich, Sigita Rakauskait, weiterentwickelt hätte. Schwierig wurde es sehr, meine vielen, verschiedenen Interessen zu kombinieren, dabei noch Geld für die Studiumsbücher aufzubringen und mich zu fragen, ob überhaupt etwas Sinnvolles und Gutes in meiner Arbeit drin stecke. Diese Belastung löste ein weiteres Geschick des Lebens auf. Im Jahr 2007 erhielt ich ein START-Stipendium (www.start-stiftung. de), das sich an Schüler aller Schulformen mit Migrationshintergrund richtet. Das Stipendium war für mich eine große finanzielle Entlastung und vor allem eine Anerkennung nicht nur meiner Leistung, sondern auch meiner Persönlichkeit.
Heute bin ich in der 13. Jahrgangsstufe und schreite auf das Abi zu. Ich engagiere ich mich im Vorstand der Jungen Presse Köln und organisiere Seminare, die ich damals selbst besuchte. Ich leite ein eigenes Projekt zur Integration und versuche Menschen durch ihre heterogene Kulturalität miteinander zu verbinden. Neben Pädagogik studiere ich auch Latein und Philosophie und schreibe auch erfolgreiche Klausuren und Seminararbeiten. In meiner Freizeit tanze ich Standard, spiele Akkordeon, schreibe Gedichte, lese viel, verbringe Zeit mit Freunden.
Auch wenn das für manche viel zu sein scheint, der Spruch „Weniger ist mehr“ trifft auf mich nicht zu. Es ist schade, dass ich mich oft rechtfertigen muss, warum ich all das mache. Gerade die Vielfalt meines Engagements verschafft mir eine Zufriedenheit und macht mich zu einem glücklichen Menschen.
Man hieß mich in Deutschland willkommen und sehr viele besondere Menschen, denen ich hier begegnet bin, unterstützen und begleiten mich auf meinem Weg. Dafür bin ich sehr dankbar und fühle mich durch sie hier beheimatet. Für mich ist das das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und der offenen Türen. Was man braucht, ist nur der Mut, diese Türen zu öffnen.


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