In zwei Sprachen lernen

In zwei Sprachen lernen

von Rosella Benati • Artikel im ZMI Magazin 2009, S. 16

Die Entwicklung tragfähiger, bilingualer Kompetenzen wird in mehrsprachigen Klassen als eine der Voraussetzungen für den Schulerfolg betrachtet.Es ist für Kinder mit Zuwanderungsgeschichte einfacher, Sprachstrukturenin der Zweitsprache Deutsch zu verstehen, wenn sie die Strukturen ihrer Muttersprache beherrschen. Mehrere Kölner Grundschulen haben daher schon vor Jahren mit der zweisprachigen koordinierten Alphabetisierung begonnen. Dieses Vorhaben ist in Köln unter dem Namen Koala – koordinierte Alphabetisierung im Anfangsunterricht – bekannt.
In Koala-Klassen werden Kinder für Sprache sensibilisiert. Durch die Abstimmung von Themen und Strukturen im Deutschunterricht und im Herkunftssprachlichen Unterricht (früher Muttersprachlicher Unterricht) erfahren die Kinder kulturelle und sprachliche Unterschiede und Gemeinsamkeiten beider Sprachen.
Dem Engagement der Schulen ist zu verdanken, dass Hunderte von Schülerinnen und Schülern ihre natürliche Zweisprachigkeit intensiv und nachhaltig pflegen. Regellehrkräfte und Muttersprachlehrkräfte unterrichten seit Jahren in Teams, um den Unterricht systematisch aufeinander abzustimmen.
In der gemeinsamen Arbeit sind zahlreiche Unterrichtsmaterialien für die Alphabetisierung und den Sachunterricht entstanden. Besonders zu erwähnen ist das Handbuch „Ananas 1“ von Metin Cetin, Muttersprachlehrer beim Schulamt für die Stadt Köln. Das Handbuch stellt umfangreiche Materialien für die Alphabetisierungsphase zur Verfügung.
In zahlreichen Übungen werden Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten zwischen der deutschen und der türkischen Sprache herausgestellt. Ein weiterer Vorteil der koordinierten Alphabetisierung liegt in der fächerübergreifenden Ausrichtung des Unterrichts. Regellehrkräfte und Muttersprachlehrkräfte arbeiten Hand in Hand. „Diese Zusammenarbeit sorgt für mehr Aufklärung und für ein besseres gegenseitiges Verständnis“, so Schulamtsdirektorin Margarita von Westphalen-Granitzka.
Vor dem Hintergrund der vielfältigen Erfahrungen zogen zum Anfang des Schuljahres 2008/2009 das Schulamt für die Stadt Köln und die Schulleiterinnen und Schulleiter der neun Kölner Schulen, die das Konzept Koala in ihrem Schulprogramm verankert haben, auf einer gemeinsamen Konferenz Bilanz. Hier wurden Kriterien entwickelt, die sich in der bisherigen Praxis als wichtige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Arbeit herausgestellt haben. Sie sind die Grundlage für die Arbeitsplanung, die natürlich auch die jeweiligen örtlichen Bedingungen berücksichtigen soll.
Zu den Standards zählen insbesondere folgende:
Das koordinierte zweisprachige Lernen wird in mindestens einem Zweig (1. bis 4. Klasse) durchgeführt, denn die Kontinuität erklärt die guten Ergebnisse für das Sprachenlernen am Ende der Grundschulzeit.
Ein Deputat von insgesamt fünf Wochenstunden (z. B. zwei bis drei Team-Stunden im Regelunterricht und zwei bis drei Unterrichtsstunden im Herkunftssprachlichen Unterricht) für das koordinierte zweisprachige Lernen ist notwendig. Dies entspricht auch dem Stundenkontingent für den klassischen Herkunftssprachlichen Unterricht.
Für die am Konzept beteiligten Lehrkräfte bietet das Schulamt für die Stadt Köln seit mehreren Jahren einen Arbeitskreis an. Die Schulen verpflichten sich, zwei Kontaktpersonen (eine Muttersprachlehrkraft und eine Regellehrkraft) zu den Treffen (vier Mal im Jahr) des Arbeitskreises Didaktik zu senden. Die Ergebnisse und Erfahrungen über die Entwicklung des Konzeptes werden allen Lehrkräften der beteiligten Schulen zur Verfügung gestellt.
Durch ein Schulleitungstreffen auf Schulamtsebene einmal im Jahr und eine jährliche Netzwerktagung soll der Austausch unter den Schulen gefördert werden, um eine kontinuierliche Qualitätssicherung zu gewährleisten. Ein Koala-Team hat die Aufgabe, den gesamten Prozess zu begleiten und für die notwendige Nachhaltigkeit zu sorgen. Unter der Leitung von Rosella Benati wirken dabei mit: Metin Cetin, Leyla Cakar-Winkel, Monika Lüth sowie Karin Schoberth.
Die methodisch-didaktischen Erfahrungen aus den Koala-Schulen haben sich als wertvoll erwiesen – sie können auch für den herkömmlichen Herkunftssprachlichen Unterricht genutzt werden. Selbst in Schulen, in denen es nicht möglich ist, koordiniert im Vormittagsbereich zu arbeiten, kann eine Vernetzung durch gezielte punktuelle Vereinbarungen sowohl in der Alphabetisierung als auch in der Absprache der Themen im Sachunterricht zu einer Steigerung der Effektivität des Unterrichts beitragen.

Am Dienstag, den 2. Dezember 2008 fand in den Räumen des Internationalen Zentrums der Caritas in Köln die dritte Veranstaltung zur Vernetzung des Herkunftssprachlichen Unterrichts mit dem Regelunterricht statt. Die Veranstaltung stand unter dem Thema „Der neue Lehrplan des Sachunterrichts für die Grundschule und die Möglichkeiten der Vernetzung mit dem Herkunftssprachlichen Unterricht“. Ingrid Sodemann, Fachseminarleiterin für Sachunterricht, vermittelte neben Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten auch Einstellungen und Haltungen, die im neuen Lehrplan vorgesehen sind. Sie betonte das forschend-entdeckende Lernen, das Ausgehen von der Lebenswirklichkeit der Kinder, den Erwerb von Methoden zur aktiven Wissensvermittlung und das Reflektieren des Lernprozesses und seines Ertrages als adäquate Lernformen.
Diese Prinzipien sind auch für den Herkunftssprachlichen Unterricht von Bedeutung. Die Muttersprachlehrkräfte können durch eine durchdachte Koordinierung von Themen und Methoden insbesondere für die Fächer Deutsch und Sachunterricht einen wichtigen Beitrag zum Lernprozess der Kinder leisten. Hierzu zeigten Leyla Cakar-Winkel und Metin Cetin, Muttersprachlehrkräfte im Schulamtsbereich für die Stadt Köln, dass der Lehrplan für den Herkunftssprachlichen Unterricht ähnliche Themen und Methoden wie der Regelunterricht vorsieht und dieses Vorhaben daher realistisch ist.
Die Evaluation des Koala-Konzeptes, die dank der Mittel des Bund-LänderKommission-(BLK)-Projektes „FörMig – Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund“ und des Zentrums für Mehrsprachigkeit und Integration (ZMI) möglich ist, wird in spätestens zwei Jahren zeigen, wie das Engagement der Kolleginnen und Kollegen den Kindern auf dem Weg zu mehrsprachigen Menschen geholfen hat. ψ

Beispiel aus: Metin Cetin, „Ananas 1“, Köln 2008.
Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des ProLog-Verlags, Therapieund Lernmittel OHG

Hintergrund: FörMig

• Das BLK-Programm zur Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund zielt darauf, innovative Ansätze zur Optimierung von sprachlicher Bildung und Förderung (weiter) zu entwickeln, zu evaluieren, für einen Transfer guter Praxis zu sorgen und Ergebnisse für die Bildungsplanung bereitzustellen.

• Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf den Schnittstellen des Bildungswesens: auf den Übergängen im bildungsbiografischen Verlauf (vom Elementarin den Primarbereich, vom Primarin den Sekundarbereich, von der allgemein bildenden in die berufsbildende Schule und in die Arbeitswelt) und der Kooperation der am Prozess sprachlicher Bildung und Förderung Beteiligten (Familien, Kinder- und Jugendhilfe, schulische und außerschulische Einrichtungen, sprachliche und ethnische Gemeinschaften).

• Bei der Operationalisierung der Inhalte des Programms wird – soweit möglich – an bereits laufende Maßnahmen angeknüpft: Maßnahmen der Länder in den von der Kultusministerkonferenz (KMK) vereinbarten sieben Handlungsfeldern, BLK-Programme – wie etwa SINUS-Transfer, Demokratie lernen & leben und das Verbundprojekt Sprachenlehren und -lernen als Kontinuum – oder auch weitere Programme zur Eingliederung junger Menschen mit Migrationshintergrund.

• Vor diesem Hintergrund liegt das besondere innovative Potenzial des Modellprogramms FörMig in der Vernetzung bestehender Aktivitäten, der Förderung der Kooperation zwischen Beteiligten verschiedener Herkunft und Profession sowie der Einbeziehung von verschiedenen lokalen und regionalen Partnern auf der Entwicklungsebene.

 


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