Integrationskurse: Ein (persönlicher) Bericht

Integrationskurse: Ein (persönlicher) Bericht

von Cahit Basar • Artikel im ZMI Magazin 2010, S. 35

Es ist ein ganz normaler Vormittag in Köln. Kurz vor 12:00 Uhr betrete ich in der Lotharstraße in Köln-Sülz den Raum, in dem der VHS -Dozent Hasan
Kaygisiz den Orientierungskurs leitet. Hier büffeln im Seminarraum 17 Teilnehmerinnen und Teilnehmer über die Zusammensetzung der Bundesversammlung,
die den Bundespräsidenten wählt.

Dozent Kaygisiz veranschaulicht anhand eines Tafelbildes die bisweilen komplizierte Wahl und antwortet versiert auf die vielen Fragen, die in diesem Zusammenhang entstehen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind hochkonzentriert, notieren sich alle relevanten Informationen und sind teilweise erstaunt, dass es bei der letzten Wahl des Bundespräsidenten Gegenkandidaten gab. Nennenswerte Erfahrungen mit demokratischen Wahlen in ihren Heimatländern haben die wenigsten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. So ist der Orientierungskurs nicht nur eine Faktenvermittlung, sondern wird zu einer Einführung in demokratischen Strukturen und Prozesse, die in der neuen Wahlheimat der Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer das gesellschaftliche Leben bestimmen.
Spontan erklären sich in der Pause drei Kursteilnehmende, die unterschiedlicher nicht sein können, bereit, von mir interviewt zu werden. Marcia Madeira Biana kommt aus Brasilien und lebt seit sechs Jahren in Köln. Vor elf Jahren kam Aziz Rguig aus Marokko, eigentlich zum Studium. Daraus ist nichts geworden, deshalb strebt er nun eine Ausbildung im technischen Bereich an. Ahmed Karani flüchtete bereits vor 23 Jahren aus dem Irak nach Deutschland und ist mit seinen 70 Jahren mit deutlichem Abstand der älteste Kursteilnehmer.
Während Aziz Rguig und Ahmed Karan sich einbürgern lassen und mit dem Kursbesuch ihre Chancen, den Einbürgerungstest zu bestehen, erhöhen wollen, erhofft sich Marcia Biana nach erfolgreichem Abschluss bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Den Arbeitsvertrag mit einer Künstleragentur hatte die 45-Jährige in der Tasche, als sie nach Köln kam. Heute ist sie arbeitssuchend und merkt, wie wichtig Sprachkenntnisse und Orientierungswissen sind, wenn sie auf dem Arbeitsmarkt wieder Fuß fassen möchte. In Köln fühlt sie sich sehr wohl. Der lebenslustigen Brasilianerin sagt die rheinische Frohnatur sehr zu. Sie fühlt sich wohl in der Domstadt und hier möchte sie auch den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt versuchen. Aziz Rguig ist sich sicher, dass Sprache der Schlüssel für eine bessere Integration sei und Benachteiligungen zumindest minimieren würde. Er wolle nicht mehr von der deutschen Gesellschaft isoliert leben, sondern sich einbringen. Der 33-Jährige legt großen Wert darauf, zu betonen, dass er den Orientierungskurs freiwillig besucht, an dem er sichtbar großen Spaß hat. Bereits vor dem Interview war er mir mit vielen Fragen aufgefallen, die er an den Dozenten richtete.
Ahmed Karani kann es sich selbst nicht erklären, warum er die Einbürgerung nicht viel früher beantragt hat. Vielleicht war es die Hoffnung, irgendwann doch in den Irak zurückkehren zu können. Der Kurde sieht trotz großer Umbrüche in seiner früheren Heimat noch immer keine wahre Rückkehroption. Nun sei seine Entscheidung gefallen, sagt er. Seinen Lebensabend möchte er als Deutscher kurdischer Herkunft hier verbringen.

Alle sind sich darin einig, dass Deutschland ihre dauerhafte Heimat sein wird. Die Angebote der Volkshochschule Köln nehmen sie gerne wahr – sie ergreifen die Chance, ihre Lebensperspektive deutlich zu verbessern.

Integrationskurse in Köln

Seit 2005 gibt es in Deutschland Integrationskurse, die für neuzuwandernde Drittstaatsangehörige mit dauerhaftem Aufenthalt in Deutschland verpflichtend sind – sofern sie nicht schon bei der Einreise über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen. Zuwandernde EU-Bürgerinnen und -Bürger können zur Teilnahme berechtigt werden. Menschen, die schon vor 2005 nach Deutschland zugezogen sind, erhalten unter bestimmten Bedingungen ebenfalls (berechtigt oder verpflichtet) Zugang zum Kurs.
Der größte Teil des Integrationskurses ist der Sprachkurs, der mit einem Test auf dem Niveau B1 des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens, dem „Deutschtest für Zuwanderer“, abschließt. Im zweiten Teil, dem sogenannten Orientierungskurs, lernen die Teilnehmenden die Gesellschaft, Politik, Geschichte und Kultur Deutschlands kennen. Den Abschluss am Ende dieses Unterrichtsteils bildet ein Multiple-Choice-Test, eine sprachlich und inhaltlich leichtere Version des Einbürgerungstests.

Integrationskurse finden in der Verantwortung des Bundesinnenministeriums statt, für die Durchführung ist das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zuständig. Das BAMF entscheidet
darüber, welche Bildungseinrichtungen als Träger Integrationskurse durchführen und welche Lehrkräfte in ihnen unterrichten dürfen. Auch die finanzielle Abwicklung der Kurse erfolgt über das BAMF: Teilnehmende zahlen je nach ihrer finanziellen Situation € 1,00 pro Unterrichtsstunde oder sie bekommen den Kurs kostenlos. Die Träger erhalten € 2,35 pro Unterrichtsstunde für jeden Teilnehmenden.

Der Orientierungskurs umfasst bislang immer 45 Unterrichtsstunden, er soll demnächst auf 60 Unterrichtsstunden erweitert werden. Der Sprachkurs dauert (im allgemeinen Kurs) 600 oder (im Kurs für besondere Zielgruppen) 900 Unterrichtsstunden. Zielgruppen in der Definition der Integrationskursverordnung sind Menschen, die nicht lesen und schreiben können, Eltern bzw. Frauen, nicht mehr schulpflichtige Jugendliche bis 27 Jahre und Personen, die einen erhöhten sprachlichen Förderbedarf aufweisen, beispielsweise weil sie sich ohne kompetente Unterrichtsbegleitung fehlerhaftes Deutsch angeeignet haben. Wer den „Deutschtest für Zuwanderer“ nicht besteht, kann auf Antrag zu weiteren 300 Unterrichtsstunden Deutschunterricht zugelassen werden – und den Test anschließend noch einmal ablegen.


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