Unterricht der Herkunftssprache anstatt der zweiten Fremdsprache an Kölner Schulen

Unterricht der Herkunftssprache anstatt der zweiten Fremdsprache an Kölner Schulen. Ein Erfahrungsbericht

von Michalina M. Trompeta • Artikel im ZMI Magazin 2011, S. 27

„Sprache ist weit mehr als nur ein Mittel zur Kommunikation – mit Sprache erlernt man Kultur“. Das sind die Worte von Gonca Mucuk, Mitglied des Kölner Stadt- und Integrationsrates. Die türkischstämmige Politikerin hatte nach ihrer persönlichen Meinung das große Glück ihre Muttersprache Türkisch auf hohem Niveau in der Schule gelernt zu haben – als, was ungewöhnlich ist, eigenständiges Schulfach mit Noten, Prüfungen und Anerkennung. Sie belegte das Fach Türkisch von Jahrgangsstufe sieben an bis zur Sekundarstufe II anstelle der zweiten Fremdsprache und ließ sich darin am Hansa-Gymnasium im Abitur prüfen.

An mittlerweile 13 weiterführenden Kölner Schulen ist es Schülerinnen und Schülern möglich, ihre Sprachkompetenzen im Bereich ihrer Herkunftssprache zu verbessern, indem sie im Rahmen des Regelunterrichts das Fach anstelle der zweiten Fremdsprache wählen (siehe Infokasten). Eine der Schulen, die ihrer Schülerschaft diese Möglichkeit bietet, ist Preisträger des diesjährigen Deutschen Schulpreises, das Genoveva-Gymnasium in Mülheim. Das Genoveva-Gymnasium wurde ausgezeichnet für sein besonderes Integrationskonzept, von dem besonders die Schülerinnen und Schüler mit Zuwanderungsgeschichte profitieren. Hierzu gehört unter anderem das Angebot des Türkischen als zweiter Fremdsprache von Klasse sechs an. Neben der Förderung von Deutsch als Zweitsprache (DaZ) bauen die Gymnasiasten hier ihre Türkischkenntnisse systematisch auf. „Es ist uns wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler beide Sprachen während ihrer Schulzeit perfektionieren – Deutsch und Türkisch. Viele von ihnen wachsen parallel in der deutschen wie auch der türkischen Kultur auf, und um ihnen das zu erleichtern, lernen sie bei uns auch ein Stück Heimat im Türkischunterricht“, betont Bernd Knorreck, Schulleiter der Schule. Die Beweggründe für die Einrichtung eines solchen Angebots liegen am Genoveva-Gymnasium primär in der Zusammensetzung der Schülerschaft, die einen hohen Anteil an Schülerinnen und Schülern mit Zuwanderungsgeschichte und damit einhergehend mit Mehrsprachigkeit besitze. Ein weiterer Grund sei der Vorteil Schülerinnen und Schüler anderer Schulformen annehmen und fördern zu können, die an ihren bisherigen Schulen in dem Bereich unterrichtet worden sind.
Die Integration des herkunftssprachlichen Unterrichts in den Regelunterricht, wie sie durch den Erlass des Schulministeriums Nordrhein-Westfalens (siehe Infokasten) möglich ist, sei für die Jugendlichen eine große Bereicherung, so die Lehrerin Ebru Cihan, die seit Jahren Türkisch als Unterrichtsfach unterrichtet. „Sie lernen nicht nur eine weitere Sprache, sie lernen ein Stück Kultur und somit Identität kennen.“ Der große Unterschied zwischen dem Angebot des herkunftssprachlichen Unterrichts als Ergänzung und dessen Einbindung in den Regelunterricht liege darin, dass die Schülerinnen und Schüler neben der Wertschätzung und Anerkennung ihrer Herkunftssprache auch die Möglichkeit erfahren, eine eigenständige Note in einem Hauptfach zu bekommen. Mit dieser können sie andere Noten unter Umständen ausgleichen, denn es handelt sich um eine versetzungsrelevante Leistung, die auch in Bezug auf die gymnasiale Oberstufe Bedeutung trägt. „Die Schülerinnen und Schüler haben einen Bezug zu der Sprache und zudem die Möglichkeit, das bereits natürlich Gelernte zu verbessern und Fähigkeiten zu erwerben, von denen sie profitieren können“, so die Lehrerin, die Türkisch auf Lehramt an der Universität Essen studiert hat. Zudem stelle es in diesem Rahmen keine zusätzliche Belastung für die Schülerinnen und Schüler dar, die als einzig andere Möglichkeit ihre Sprachfertigkeiten in der Schule zu verbessern nur den herkunftssprachlichen Unterricht als Ergänzungsunterricht haben. Wie Gonca Mucuk aus ihren Erfahrungen hierzu berichtet, sei die Motivation im Rahmen eines solchen Unterrichts allerdings nur gering, denn während die anderen frei haben, müsse man selbst büffeln. Außerdem erhalte man keine Noten und damit fehle der Ansporn, sich aktiv zu beteiligen.
Dennoch haben viele Kinder und Jugendliche den Bedarf, ihre herkunftssprachlichen Kompetenzen zu verbessern – denn nur die wenigsten verfügen über schriftsprachliche Fähigkeiten in ihrer Herkunftssprache. Fehlen diese jedoch, kann sich das negativ auf Fertigkeiten in anderen Fächern ausweiten. Allerdings bringt diese Schülerschaft etwas ganz Besonderes mit und sollte daher bestmöglich gefördert werden. „Vergleichen lässt sich das mit einer staubigen Vase, einem Schatz, der unter dem Schmutz nicht sichtbar ist“, so Gonca Mucuk über mangelnde Förderung von Sprachkenntnissen als verschwendete Ressource. Zu einem persönlichen Nutzen jedes Einzelnen durch die Kenntnisse einer weiteren Sprache, komme laut Mucuk aber auch der wirtschaftliche Nutzen, den die Schülerinnen und Schüler auf diesem Weg erlangen können: Deutschland brauche Fachkräfte, die in beiden Sprachen, Deutsch und Türkisch, fit sind. Sie selbst habe Stellenangebote unter anderem auf Grund ihres Türkischprofils erhalten, was zeige, dass sich mit entsprechenden Sprachkenntnissen Türen öffnen lassen. Ebru Cihan bestärkt dieses Argument auf Grundlage ihrer eigenen Erfahrungen an einer Kölner Gesamtschule und einem Berufskolleg in Köln: „Die Jugendlichen lernen im Sprachunterricht neben der Sprache schließlich auch viel zum Thema Landeskunde, was von großer Bedeutung ist, denn die meisten kennen die Türkei nur aus dem Urlaub. Da deutsche Verbindungen in die Türkei positiv sind, können mit dem erlernten Wissen viele Vorteile für verschiedene Berufe entstehen, hier in Deutschland aber auch in der Türkei“. Gonca Mucuk berichtet außerdem, dass sie im Unterricht neben der Sprache sehr viel über aktuelle Geschehnisse in der Türkei, politische Kontexte aber auch über türkische Literatur erfahren habe. Ihr Lehrer habe sie sprichwörtlich dort abgeholt, wo ihre Eltern auf Grund ihrer Bildungsferne nicht weiter konnten. So sei sie mit einem sauberem Hochschultürkisch und einer hohen Kompetenz in der Schriftsprache jetzt in der Lage komplexe Texte zu verstehen und zu verfassen oder auch auf Türkisch zu verhandeln, ohne in der Türkei als „Deutschländer“ (als ein in Deutschland lebender Türke) erkannt zu werden. Dies gehöre für Mucuk zu einem prägenden Moment, der viel zu ihrer Persönlichkeitsbildung beigetragen habe und den sie der entsprechenden Türkischförderung in der Schule verdankt.
Die Vorurteile ihrer Mitschüler, dass sie ihre Eins in Türkisch nur deshalb habe, weil sie Türkisch ja eh schon könne, ließ die heutige SPD-Politikerin einfach abprallen: „Das ist so, als ob ich behaupte, jeder Deutsche müsse eine Eins in Deutsch haben, nur weil das seine Muttersprache ist.“ Auch die Türkischlehrerin Cihan lässt das Argument nicht gelten, türkischsprachige Kinder und Jugendliche bekämen ihre Abschlüsse mit dem Fach Türkisch nachgeworfen: „Viele meiner Schülerinnen und Schüler können gar nicht fließend Türkisch sprechen. Oft müssen sie ins Deutsche wechseln, um etwas zu erklären. In dem Bereich gibt es viel zu tun.“ Auch Schulleiter Bernd Knorreck berichtet von oftmals verbesserungswürdigen Sprachkenntnissen der türkischen Sprache am Genoveva-Gymnasium, an denen im Unterricht weitergearbeitet werden müsse. Des Weiteren müssten die Schülerinnen und Schüler sich in diesem Schulfach wie in allen anderen auch Prüfungen unterziehen, es sei nicht möglich sich dort auf dem auszuruhen, was man schon könne, so Cihan. Die Selbstsicherheit der Schülerschaft des Genoveva-Gymnasiums profitiere sogar von den zentral stattfindenden Prüfungen: „Unsere Schüler sind selbstbewusster geworden, seit sie wissen, sie liegen im Landesdurchschnitt; was sie hier lernen, ist dem gleichwertig, was an anderen Schulen gelehrt wird. Auch der Gewinn des Deutschen Schulpreises hat im Bewusstsein der Schüler dazu beigetragen, dass sie sich nicht minderwertig fühlen, weil sie eine sogenannte Ausländerschule besuchen, so Knorreck. Dennoch gebe es Schulen, die damit argwöhnen, den Unterricht in einer Herkunftssprache anstatt einer zweiten Fremdsprache anzubieten, da sie fürchten, ihre Schule werde den Ruf einer solchen Ausländerschule erhalten. „Viele schreckt das ab“, Rektor Knorreck ist allerdings froh darüber, dass seine Schule die Gegebenheit einer Schülerschaft mit hohem Anteil von mehrsprachigen Kindern und Jugendlichen bereits vor Jahren aufgegriffen hat und versucht alle seine Schülerinnen und Schüler optimal zu fördern, während an vielen anderen Schulen die Sachlage jetzt erst ins Bewusstsein gelange.
Ferner plädieren Türkischlehrerin Ebru Cihan und Bernd Knorreck für die Gleichstellung aller Sprachen an deutschen Schulen, und dafür, das Prestige bestimmter Sprachen wie Englisch oder Französisch zu hinterfragen. „Oft herrscht an Schulen die Meinung, schlechte Schülerinnen und Schüler sollen lieber Türkisch wählen, die guten können aber ruhig Französisch lernen.“ Laut der Lehrerin seien alle Sprachen gleichwertig, daher sei es längst Zeit auch alle Sprachkenntnisse dementsprechend zu fördern und wertzuschätzen. Laut Schulleiter Knorreck erhalten Sprachen jedoch nur den gleichen Stellenwert, wenn sie integriert in den Regelunterricht angeboten werden.
Durchweg positiv sind also die Erfahrungen der beteiligten Akteure: Ihre Erkenntnisse und Erlebnisse lassen hoffen, dass sich in Zukunft weitere Kölner Schulen dazu entscheiden werden, ihr sprachliches Angebot um die Herkunftssprachen ihrer Schülerschaft zu erweitern. Denn damit leisten sie einen großen Beitrag dazu, dass diese Schülerinnen und Schüler sich wertgeschätzt fühlen für das, was sie in die Schule mitbringen – was eine große Bereicherung für unsere Gesellschaft darstellt.


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