Das Mülheimer Bildungsbüro

Das Mülheimer Bildungsbüro

von Thomas Jaitner • Artikel im ZMI Magazin 2012, S. 24

Mit einer Vollversammlung aller 24 Schulen des Programmgebiets begann am 11. Januar 2012 im Bezirksrathaus Mülheim die gemeinsame Arbeit im Bereich Bildung des Programms Mülheim 2020. Zur Erinnerung: Das Programmgebiet aus den Stadtteilen Mülheim, Buchheim und Buchforst ist ein besonders benachteiligtes Gebiet. Das „MONITORING STADTENTWICKLUNG KÖLN – Beobachtung von Lebenslagen und Stadträumen in Köln“ identifiziert besonders benachteiligte Stadtteile, wobei unter Benachteiligung ein eng verknüpftes Bündel aus unterschiedlichen Bereichen zu verstehen ist: Das Monitoring spricht von wirtschaftlicher, politisch-kultureller, gesundheitlicher und Bildungsbenachteiligung. Zwischen 2005 und 2009 haben sich die einzelnen Kölner Stadtteile weiter auseinanderentwickelt, dabei steht das Programmgebiet auf der Verliererseite.

Mülheimer Bildungsbüro

Mit einer Vollversammlung aller 24 Schulen des Programmgebiets begann am 11. Januar 2012 im Bezirksrathaus Mülheim die gemeinsame Arbeit im Bereich Bildung des Programms Mülheim 2020. Zur Erinnerung: Das Programmgebiet aus den Stadtteilen Mülheim, Buchheim und Buchforst ist ein besonders benachteiligtes Gebiet. Das „MONITORING STADTENTWICKLUNG KÖLN – Beobachtung von Lebenslagen und Stadträumen in Köln“ identifiziert besonders benachteiligte Stadtteile, wobei unter Benachteiligung ein eng verknüpftes Bündel aus unterschiedlichen Bereichen zu verstehen ist: Das Monitoring spricht von wirtschaftlicher, politisch-kultureller, gesundheitlicher und Bildungsbenachteiligung. Zwischen 2005 und 2009 haben sich die einzelnen Kölner Stadtteile weiter auseinander entwickelt, dabei steht das Programmgebiet auf der Verliererseite.

Es ist deshalb folgerichtig, dass das Programm Mülheim 2020 versucht, das Problem von verschiedenen Seiten her anzupacken. Es geht nicht nur um die Verbesserung der Schulerfolge, sondern auch um die Bereiche soziale Ökonomie und Stadtentwicklung. Zusätzliche Mittel stehen bereit mit Unterstützung der Europäischen Union und des Landes NRW.

Die Schulen im Programmgebiet haben es vor allem mit einer Schülerschaft zu tun, die großenteils aus bildungsfernen Familien kommt oder Deutsch als Zweitsprache lernt. Damit stehen sie vor besonderen Herausforderungen: Sie müssen gezielte Anstrengungen unternehmen, um alle Kinder und Jugendlichen zu integrieren und ihnen zu guten Lernleistungen zu verhelfen. Viele Schulen lösen diese Aufgaben mit großem Engagement. Aber die Rahmenbedingungen zeigen, dass spezifische Maßnahmen erforderlich sind. Dazu sind die Schulen auf zusätzliche fachliche und finanzielle Unterstützung angewiesen.

Worin bestehen nun die Angebote an die Schulen? Anders gefragt: Welche Angebote brauchen speziell die Schülerinnen und Schüler in Mülheim?

Im Mittelpunkt stehen Programme zur Unterrichtsentwicklung. Dabei geht es zum einen um grundlegende Lernkompetenzen, die viele Kinder nicht in der familiären Sozialisation mitbekommen. Zum anderen spielen die sprachlichen Kompetenzen auf der Ebene der Bildungssprache (sowohl der deutschen Sprache wie der nichtdeutschen Muttersprachen) eine Rolle. Schule muss einen Beitrag dazu leisten, die sprachliche Sozialisation nachzuholen, die viele Schülerinnen und Schüler nicht erlebt haben und die sich im gesamten Unterricht auswirkt. Fortbildungsprogramme zur Lernkompetenzentwicklung, zum Deutschlernen in mehrsprachigen Klassen (DemeK) und zum zweisprachigen koordinierten Lernen sollen die Lehrkräfte motivieren und noch besser in die Lage versetzen, angemessen mit ihren Klassen zu arbeiten.
Die Unterrichtsentwicklung steht auf tönernen Füßen, wenn sie nicht systematisch in der Schule organisiert wird. Deswegen stehen Programme zur Ausbildung bzw. Begleitung von schulischen Steuergruppen und ein spezielles Coaching des Kollegiums oder von Teilgruppen zur Verfügung.
Die Schulen erhalten zusätzliche Ressourcen. Dazu gehören sogenannte Lernhelfer an sechs Schulen, die einzelne Schülerinnen und Schüler oder kleinere Gruppen intensiv begleiten, zusätzliche Lehrerstellen für das sprachliche Lernen und finanzielle Mittel für themenbezogenes Fachmaterial.
Da die Schulen die vielfältigen Herausforderungen nicht alleine lösen können, ist eine ergänzende Unterstützung von außen notwendig. Dazu dienen Maßnahmen zur Elternmitwirkung und zum Einsatz von ehrenamtlichen Personen in der Schule. Von besonderer Bedeutung sind Sprachcamps in den Herbstferien an Grundschulen, die in Kooperation mit der Universität zu Köln durchgeführt werden.
Organisierendes Zentrum ist das Mülheimer Bildungsbüro, das mitten im Programmgebiet in der Julius-Bau-Straße, Ecke Clevischer Ring, liegt. Die Geschäftsführung (Netzwerk Lernende Region), die pädagogische Leitung und die pädagogischen Mitarbeiterinnen haben die Aufgabe, die finanzielle Abwicklung zu organisieren und die Umsetzung der Programme zu begleiten. Dadurch entstehen schnelle Wege, und den Schulen kann viel Koordinierungsaufwand abgenommen werden, der so arbeitsreich, aber auch so wichtig ist.

Auf den ersten Blick scheinen die Vorhaben nicht sehr aufregend neu zu sein. Alle Maßnahmen gab oder gibt es auch an anderer Stelle. Das Neue findet sich in einem anderen Sinne. Zum einen macht die Stadt Köln durch ihr Engagement besondere Unterstützungsmaßnahmen möglich, die es in dieser Zusammenstellung sonst nicht gibt. Außerdem gibt es die Möglichkeit, systematisch und konzentriert an den zentralen Aufgaben gemeinsam zu arbeiten, abgestimmt auf die Bedürfnisse der einzelnen Schulen.

Erste Erkenntnisse

Nach wenigen Monaten lassen sich erste Erkenntnisse aus der Arbeit des Mülheimer Bildungsbüros ziehen.

1.
Die systematische Unterstützung und die Aufmerksamkeit, die die Schulen erhalten, motivieren. Es gibt eine hohe Beteiligung an den einzelnen Programmpunkten. Ausnahmslos alle Schulen haben einen Kooperationsvertrag mit dem Mülheimer Bildungsbüro unterschrieben. 19 Schulen beteiligen sich an den verschiedenen Maßnahmen zur Unterrichtsentwicklung, mehrere arbeiten dabei gleichzeitig an zwei Schwerpunkten. 12 Schulen, die bislang keine Steuergruppe hatten, beteiligen sich an einer entsprechenden Qualifizierung, 14 Schulen nehmen an einem schulindividuellen Coaching teil. Ein Höhepunkt wird die Fachtagung „Lernen in Mülheim“ der Mülheimer Schulen am 27. Februar 2013 in der Mülheimer Stadthalle sein.

2.
Wenig Aufmerksamkeit findet bislang das zweisprachige koordinierte Lernen, d.h. das Erlernen der Herkunftssprachen auf dem Niveau der Bildungssprache in enger Verzahnung mit dem Regelunterricht. Das wäre aber besonders wichtig, weil dadurch das Erlernen der deutschen Sprache erleichtert und zudem gerade die Stärke der zweisprachig aufwachsenden Kinder in Mülheim berücksichtigt würde. In einem benachteiligten Stadtteil ist es von Bedeutung Stärken aufzugreifen. Mittlerweile hat sich eine Initiative „Türkisch an Mülheimer Kitas und Schulen“ gegründet, die die Eltern für diese Fragestellung gewinnen und mit den Schulen in den Dialog treten will. Dadurch soll der schulischen Mehrsprachigkeit ein neuer Impuls gegeben werden.

3.
Positiv ist die Vernetzung der Schulen untereinander um gemeinsame Fragestellungen. In Zukunft müsste in einem zweiten Schritt die Aufgabe in Angriff genommen werden, neben der Mülheimer Schullandschaft auch die Mülheimer Bildungslandschaft zu etablieren, d.h. die Unterstützung der Schulen durch die zahlreichen Mülheimer Bildungseinrichtungen zu organisieren. Natürlich gibt es auf diesem Gebiet viele Erfahrungen, neu wäre ein systematischer Ansatz, der alle Bildungseinrichtigungen und alle Schulen umfasst. Es gibt in Mülheim viele wertvolle und erfahrene Einrichtungen und Personen, die in Kombination mit den Schulen noch größere Wirksamkeit entwickeln könnten.

4.
Das Programm Mülheim 2020 endet im September 2014. Der Projektzeitraum von gut zweieinhalb Jahren ist natürlich viel zu kurz, um auf Dauer Arbeitsstrukturen in Mülheim zu schaffen, die eine langfristige Entwicklung der Schulen garantieren. Es wäre unverantwortlich, im September 2014 ein kurzes „Tschüss, das war’s wohl!“ zu rufen. In besonders benachteiligten Stadtteilen sind vor Ort arbeitende, den einzelnen Schulen in ihrer nicht leichten Arbeit Aufmerksamkeit schenkende Bildungsbüros sinnvoll. Vorbild kann die Stadt München sein, die vier besonders benachteiligte Stadtteile identifiziert hat und dort sogenannte Bildungslokale unterhält. Das Mülheimer Bildungsbüro müsste als Pilotmaßnahme in Köln verstanden werden, denn es ist klar, dass es in unserer Stadt weitere Stadtteile mit erheblichen Problemen gibt, das erwähnte Monitoring stellt dazu alle Informationen bereit. Es muss dringend geprüft werden, welche Aufgabenbereiche für ein „Mülheimer Bildungsbüro plus“ unverzichtbar sind und wie diese finanziert werden können.


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