Sprache entscheidet über Bildungserfolg

Sprache entscheidet über Bildungserfolg

von Anna Kleiner • Artikel im ZMI Magazin 2012, S. 21

Das Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache an der Universität zu Köln will die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen mit Sprachförderbedarf langfristig verbessern. Schülerinnen und Schüler in deutschen Grundschulen lesen im Vergleich zu 45 anderen Staaten überdurchschnittlich gut. Das hat die im Dezember 2012 veröffentlichte Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) ergeben. Kein Grund zur Sorge also?

Ein Blick hinter die Durchschnittswerte verrät, dass sich Bildungspraxis, -verwaltung und -politik noch nicht entspannt zurücklehnen können. Fast ein Sechstel der Kinder, gut 15 Prozent, haben so große Schwächen beim Lesen, dass sie dem Unterricht auf der weiterführenden Schule kaum folgen können. Nicht einmal die Hälfte der Kinder, die Sprachförderung benötigen, kommt auch in den Genuss einer solchen. Der Leistungsunterschied zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund liegt weiterhin bei mehr als 30 Punkten – auch wenn Kinder mit Zuwanderungsgeschichte leicht aufholen konnten. Und schließlich muss ein Grundschüler aus einem bildungsfernen Elternhaus im Lesetest 80 Punkte mehr erreichen als seine Klassenkameraden aus Akademikerfamilien, damit der Klassenlehrer die Empfehlung für das Gymnasium gibt – das entspricht einem ganzen Schuljahr.
Spätestens in der Grundschule also entscheidet sich, wie die Chancen auf einen späteren Schulabschluss stehen – und Sprachvermögen scheint ein Schlüssel für Bildungserfolg zu sein. Ein Großteil der Verantwortung lastet, vom Elternhaus einmal abgesehen, auf den Schultern der Lehrkräfte – sie müssen erkennen, wer Sprachförderung benötigt, wie diese aussehen kann und sie zusätzlich in den meisten Fällen auch selbst leisten. 70 Prozent der Lehrerinnen und Lehrer unterrichten Kinder mit Sprachförderbedarf – zwei Drittel von ihnen fühlen sich gar nicht oder schlecht auf dem Umgang mit heterogenen Klassen vorbereitet. Das ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts IPSOS , die im Juni 2012 offiziell vorgestellt wurde.
Die Studie hatte das Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache in Auftrag gegeben, das, initiiert und gefördert von der Stiftung Mercator, im Mai 2012 an der Universität zu Köln seine Arbeit aufgenommen hat. Michael Becker-Mrotzek, Professor für deutsche Sprache und ihre Didaktik, leitet das Institut: „Wir haben uns zum Ziel gesetzt, die Bildungs- und Zukunftschancen von benachteiligten Kindern und Jugendlichen langfristig zu verbessern.“ Das Institut konzentriert sich auf drei Handlungsfelder: Deutsch als Zweitsprache in der Lehrerbildung, Forschung und Qualifizierung von Schlüsselpersonen in der Lehrerbildung.

Deutsch als Zweitsprache in der Lehrerbildung
Bisher gibt es in nur wenigen Bundesländern verpflichtende Vorlesungen oder Seminare zu Deutsch als Zweitsprache für Lehramtsstudierende. Guter Unterricht jedoch braucht qualifizierte Lehrkräfte: Sie müssen dafür ausgebildet werden, den Sprachförderbedarf ihrer Schülerinnen und Schüler zu erkennen und sie individuell zu fördern. Derzeit entwickelt das Mercator-Institut ein Förder- und Beratungsprogramm für Bundesländer, die Deutsch als Zweitsprache in der Lehrerausbildung verankern wollen. Damit unterstützt es in den nächsten Jahren zwei Bundesländer, d. h. Universitäten des jeweiligen Landes in Abstimmung mit den zuständigen Ministerien, dabei, Sprachfördermodule in die Lehrerausbildung zu integrieren.
In Nordrhein-Westfalen sieht das Lehrerausbildungsgesetz schon seit 2009 vor, dass alle Lehramtsstudenten Veranstaltungen im Bereich Deutsch als Zweitsprache belegen. Der Weg vom Gesetz in die Praxis ist komplex: Universitäten müssen personelle und finanzielle Ressourcen aushandeln, Fachdidaktiken übergreifend zusammenarbeiten, konkrete Lehreinheiten konzipiert, erprobt und in die Studienordnungen integriert werden. Das Mercator-Institut berät und unterstützt Universitäten und Landesministerien über die geförderten Projekte hinaus. In Köln etwa arbeitet das Institut im Fachverbund Deutsch als Zweitsprache bei der Konzeption des Praxissemesters im Lehramtsmaster mit.

Forschung stärken
Noch gibt es wenig gesicherte Erkenntnisse darüber, wie Sprachdiagnostik und -förderung gelingen – und welche Wirkung Sprachfördermaßnahmen haben, die Kitas, Grund- und weiterführende Schulen bereits einsetzen. „Die wenigen deutschen Studien, die es in diesem Bereich gibt, zeigen, dass sich die sprachlichen Fähigkeiten der Kinder kaum verbessert haben. Das Ergebnis ist ernüchternd, weil viel Geld in solche Fördermaßnahmen gesteckt wird“, so Becker-Mrotzek. Mit einem Förderprogramm unterstützt das Mercator-Institut Forschungsvorhaben, die auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse praxisnahe Lösungen entwickeln, wie Sprachförderung gelingen kann. In interdisziplinären Verbundprojekten arbeiten Bildungsforscher aus der Fachdidaktik, Psychologie und Pädagogik gemeinsam an Vorhaben. Die Ausschreibungen starten Anfang 2013.

Schlüsselpersonen in Lehre und Lehrerfortbildung qualifizieren
Wenn Deutsch als Zweitsprache zukünftig im Studienverlauf aller angehenden Lehrerinnen und Lehrer eine Rolle spielen soll, braucht es zusätzliche Fachkräfte für die Lehre an der Hochschule. Und mit dem Staatsexamen oder Master ist der Lernprozess nicht vorbei: Fortbildungen, Beratungen, Hospitationen und der Austausch mit anderen Lehrkräften sorgen erst dafür, dass auch der Unterricht sich verändert und mehr Chancen für Schülerinnen und Schüler bietet. Professor Becker-Mrotzek: „Den pädagogischen Fachkräften wird meist in sehr kurzer Zeit ein komplexes theoretisches Konstrukt vermittelt, anschließend überprüft man aber nicht mehr, wie sie die Theorie umsetzen.“ Das Institut will Initiativen unterstützen, entwickeln und vernetzen, die Schlüsselpersonen in der Lehre und der Lehrerfortbildung qualifizieren.
Die Stiftung Mercator unterstützt das Gesamtprogramm bis 2016 mit 13 Millionen Euro. „Durch das Institut bekommen Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache eine noch größere Relevanz. Die wollen wir nutzen, um in den nächsten Jahren wirklich Wirkung zu erzielen, in der Praxis, der Verwaltung und der Politik“, so Becker-Mrotzek.


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