„Das ist Zukunft“ – Der Rucksackalltag in Köln aus Sicht der beteiligten Kinder, Mütter und Elternbegleiterinnen

„Das ist Zukunft“ – Der Rucksackalltag in Köln aus Sicht der beteiligten Kinder, Mütter und Elternbegleiterinnen

von Prof. Dr. Hans-Joachim Roth und Dr. Henrike Terhart • Artikel im ZMI Magazin 2013, S. 13

Rucksack ist ein Bildungsangebot für Eltern mit Migrationshintergrund, das einen besonderen Schwerpunkt auf die Förderung der Mehrsprachigkeit ihrer Kinder legt. Das Angebot ist als Multiplikatorenprogramm nach dem Peer-Education-Prinzip konzipiert: das heißt, pädagogische Coaches bilden Angehörige der Zielgruppe aus und begleiten sie, damit diese als „Peer-Educator“ (im Folgenden Elternbegleiterinnen)Rucksack-Gruppen für Eltern mit Migrationshintergrund leiten. Die Elterngruppen treffen sich einmal in der Woche in Kindertagestätten und Grundschulen, die sich als Kooperationspartner für das Programm beworben haben. Bei den mehrsprachigen Treffen werden neben allgemeinen Erziehungsfragen didaktisch aufbereitete Themen besprochen, die anschließend zusammen mit den Kindern zuhause bearbeitet werden. Dafür stehen Rucksack-Arbeitsblätter in verschiedenen Sprachen zur Verfügung.
2012 wurde von uns eine Studie zum Rucksack-Programm in Köln1 durchgeführt. Insgesamt wurden 20 Rucksack-Elterngruppen einbezogen, die zu diesem Zeitpunkt seit längerem zusammenarbeiteten. Das Ziel der Untersuchung bestand darin, die Umsetzung und die Wirkungsweisen des Programms im Rucksack-Alltag aus Sicht von Elternbegleiterinnen, Müttern und Kindern zu erforschen.2 Im Folgenden werden zentrale Ergebnisse der Studie zusammenfassend dargestellt.

Sprachliche Bildung
Im Zentrum des Programms Rucksack steht der mehrsprachige Sprachgebrauch der beteiligten Familien mit dem Ziel, eine aktive Mehrsprachigkeit der Kinder (und der Mütter) zu unterstützen. Die von uns befragten Mütter bringen die Sorge zum Ausdruck, den mit der Mehrsprachigkeit einhergehenden Herausforderungen nicht hinreichend gerecht zu werden. Ein wichtiger Grund für die Teilnahme am Rucksack-Programm ist, auf diese Weise bewusst auf die Verbesserung der Bildungschancen ihrer Kinder hinzuarbeiten. Die Mütter geben an, ihren Kindern seit Beginn ihrer Teilnahme am Rucksackprogramm häufiger vorzulesen und ihnen etwas zu erzählen. Die Mütter lesen mit ihren älteren Kindern zudem öfter zusammen und sprechen mit ihnen über das Gelesene: die literacynahen Aktivitäten haben also zugenommen. Weiterhin gaben die Mütter an, dass sie mit den sprachlichen Fähigkeiten der Kinder deutlich zufriedener sind als zu Beginn der Programmteilnahme – und dies sowohl in Bezug auf das Deutsche als auch auf die Herkunftssprache. Interessant erscheint, dass die Mütter die Fortschritte in der deutschen Sprache sogar etwas höher einschätzen.

Empowerment

Unter dem Stichwort Empowerment sind Aussagen zu den Themen Selbstbewusstsein, Selbstwirksamkeit und Handlungsfähigkeit der Beteiligten zusammengefasst. Im Zentrum steht die Vermittlung von ,Erziehungswissen‘ über das sie sich austauschen und das sie erproben. Die Rucksack-Arbeitsblätter und gemeinsame Aktivitäten mit der Gruppe stehen ihnen dafür zur Verfügung. Darüber hinaus bietet die Gruppe die Möglichkeit, die Erfahrungen in der Familie zu besprechen und zu reflektieren. Auf diese Weise werden für die Mütter neue Handlungsperspektiven im Umgang mit ihren Kindern eröffnet. Es wird deutlich, dass das Programm für die befragten Frauen, bei allen Unterschieden – etwa in ihren Sprachfähigkeiten und hinsichtlich des Bildungshintergrunds – ein attraktives Angebot darstellt. Die Mütter geben an, angeregt durch die Gespräche in den Rucksack-Gruppen mehr über Erziehung nachzudenken und berichten auch von einer gesteigerten ‚Effektivität‘ der Erziehung. Darüber hinaus ist erkennbar, dass Vorbehalte und Ängste hinsichtlich der Zusammenarbeit mit Erzieherinnen und Erziehern und Lehrerinnen und Lehrern durch die Teilnahme am Programm abgebaut werden. Schließlich konnte anhand der quantitativen Daten gezeigt werden, dass insbesondere die Vernetzung der Mütter untereinander stark zugenommen hat.
„Also es ist schon eine Herzgeschichte – dieses Rucksack-Projekt“
Diese Aussage einer der interviewten Mütter fasst ein zentrales Ergebnis der Studie sehr gut zusammen: Die Elternbegleiterinnen und die teilnehmenden Mütter identifizieren sich stark mit dem Rucksack-Programm. Dagegen spielt die Einbindung in das Programm für die Kinder keine besondere Rolle. Sie nehmen die damit einhergehenden Aktivitäten wie selbstverständlich als Teil ihres Alltags wahr, der ihnen Zuwendung und gemeinsame Zeit mit der Mutter und zum Teil auch weiteren Familienmitgliedern beschert.
Durch die Untersuchung wurde deutlich, dass Rucksack durch seine konzeptionelle Ausrichtung an der mehrsprachigen Lebenswirklichkeit von Migrantenfamilien, seine konkrete Umsetzung in Form einer Bildungskette (Coaches, Elternbegleiterinnen, Mütter und Kinder) sowie aufgrund der engagierten Mitarbeit aller AkteurInnen ein großes Potenzial birgt. Eine besondere Herausforderung wird auch weiterhin die Einbindung des Programms in die beteiligten Kitas und Grundschulen sein: Auf diesem Weg scheinen in den letzten Jahren Fortschritte erzielt worden zu sein. Viele Elternbegleiterinnen fühlen sich durch das pädagogische Personal der Einrichtungen sehr gut unterstützt; von einer expliziten Einbeziehung oder gar einer Parallelisierung von Lerninhalten wird hingegen wenig berichtet. Darin aber kann der besondere Beitrag von Rucksack für eine Öffnung pädagogischer Institutionen für kulturelle und sprachliche Vielfalt im Allgemeinen sowie für eine spiralförmige curriculare Verknüpfung von Bildungsangeboten im Sinne einer durchgängigen Sprachförderung gesehen werden.

1 In Köln wird das Rucksack-Programm durch das Kommunale Integrationszentrum Köln (ehemals RAA Köln) koordiniert. Ende 2013 bestehen 37 Rucksack-Gruppen in Köln, die an Kindertagestätten und Grundschulen stattfinden. Die Gruppen sind bisher zum Großteil auf eine deutsch-türkische Mehrsprachigkeit ausgerichtet und werden mehrheitlich von Müttern besucht.
2 Für die Untersuchung wurde ein Mixed-Method-Design gewählt, das sich bei der Datengewinnung auf Leitfadeninterviews und Fragebögen stützt. Es wurden insgesamt 64 Interviews mit 16 Elternbegleiterinnen, 18 Müttern und 30 Kindern geführt. An der Fragebogenerhebung nahmen 71 Mütter teil.

Konzeptionelle Ziele des Rucksack-Programms

  • Förderung der Mehrsprachigkeit von Kindern mit Migrationshintergrund
  • Anerkennung und Stärkung der Herkunftssprache systematische Verbesserung der deutschen Sprachkenntnisse
  • Stärkung der allgemeinen Erziehungskompetenzen
  • Anregung für die Interaktion zwischen Müttern und Kindern
  • Stärkung des Selbstwertgefühls der Mütter und der Kinder
  • Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen den Müttern und den Bildungseinrichtungen
  • Motivation aller, Mehrsprachigkeit als Kompetenz für den Bildungserfolg anzusehen
  • Stärkung der interkulturellen Bildung und des Mehrsprachenkonzepts der pädagogischen Einrichtungen

Zu dem Thema „Mehrsprachigkeit und Elternbildung – Das Programm Rucksack als Beitrag zur interkulturellen Öffnung von Kindertagesstätten und Grundschulen mit offenem Ganztag“ fand am 10.10.13 eine Fachtagung in Köln statt, bei der die Ergebnisse der diesem Artikel zugrunde liegenden Studie durch Prof. Dr. Hans-Joachim Roth (Universität zu Köln) vorgestellt wurden. Im Weiteren trug Prof. em. Dr. Hans H. Reich (Universität Koblenz-Landau) zum Thema der Parallelisierung mehrsprachiger Lernprozesse mithilfe von Rucksack vor und es wurden die neuen Lernmaterialien für Rucksack an Grundschulen durch die Landesweite Koordinierungsstelle der Kommunalen Integrationszentren NRW präsentiert. An einer abschließenden Podiumsdiskussion nahmen Christiane Bainski (Landesweite Koordinierungsstelle der kommunalen Integrationszentren NRW), Christel Grünenwald (Freudenbergstiftung), Prof. Dr. Argyro Panagiotopoulou (Universität zu Köln), Prof. em. Dr. Hans H. Reich (Universität Koblenz-Landau) und Prof. Dr. Rosemarie Tracy (Universität Mannheim) teil.
Gastgeber der Fachtagung waren die Landesweite Koordinierungsstelle der Kommunalen Integrationszentren NRW, das Kommunale Integrationszentrum Köln und die Universität zu Köln.

 


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