sprachstark: QuisS – Qualität an sprachheterogenen Schulen

sprachstark: QuisS – Qualität an sprachheterogenen Schulen

von Dr. Petra Heinrichs • Artikel im ZMI Magazin 2013, S. 35

Sprachliche Heterogenität und Mehrsprachigkeit prägen unseren Schulalltag in besonderem Maße. Sie sind „Handlungsbedingung“ (Ingrid Gogolin) für erfolgreichen Unterricht. In den Lehrplänen findet dies sukzessiv Berücksichtigung, wenn beispielsweise die sprachliche Förderung als Aufgabe aller Fächer, und nicht mehr nur des Deutschunterrichts, betrachtet wird. Doch fehlt es oftmals noch an Konzepten zur systematischen Sprachförderung aller Schülerinnen und Schüler im Regelunterricht.

Was viele Kinder und Jugendliche in sprachlicher Hinsicht ganz selbstverständlich mitbringen, sind allgemeinsprachliche, primär kommunikative Fähigkeiten, die Jim Cummins als BICS (Basic Interpersonal Communicative Skills) bezeichnet. Was aber im schulischen Unterricht verwendet und verlangt wird, sind vor allem konzeptionell schriftsprachliche Fähig- und Fertigkeiten. Unter CALP (Cognitive Academic Language Proficiency) versteht Cummins „Sprache als Werkzeug des Denkens“. Gemeint sind sowohl schriftliche als auch mündliche „bildungssprachliche Fähigkeiten“. Wer Deutsch nicht als Erstsprache erwirbt, benötigt durchschnittlich 1-3 Jahre zum Erwerb der BICS. Der Erwerb der CALP braucht jedoch sehr viel länger, nämlich je nach Bildungshintergrund und Spracherwerbsstand in der/den Herkunftssprache/n bis zu 10 Jahre systematischen Spracherwerbs. Die Aneignung bildungssprachlicher Kompetenzen ist oftmals auch für einsprachig deutsch aufgewachsene Schülerinnen und Schüler eine Hürde, insbesondere dann, wenn sie, wie PISA und andere bildungspolitische Studien zeigen, aus den unteren sozialen Schichten stammen.
Deshalb benötigen wir keine kurzfristigen Projekte, sondern nachhaltige Ansätze zur Unterrichts- und Schulentwicklung an sprachheterogenen Schulen. Unter dieser Prämisse wurde an der Bezirksregierung Köln das Modellprojekt sprachstark: QuisS – Qualität an sprachheterogenen Schulen entwickelt. Erstmals im Schuljahr 2011/12 erhielten 25 Schulen mit einer Schüler/innenschaft, die größtenteils aus den unteren sozialen Schichten stammt und Deutsch als Zweitsprache erwirbt, zusätzliche fachliche und personelle Unterstützung. Primäres Ziel des Projekts ist es für Chancengleichheit zu sorgen, auch und gerade für Schülerinnen und Schüler mit Zuwanderungsgeschichte, so wie es das nordrheinwestfälische Schulgesetz fordert: „Die Schule fördert die Integration von Schülerinnen und Schülern, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, durch Angebote zum Erwerb der deutschen Sprache. Dabei achtet und fördert sie die ethnische, kulturelle und sprachliche Identität (Muttersprache) dieser Schülerinnen und Schüler. Sie sollen gemeinsam mit allen anderen Schülerinnen und Schülern unterrichtet und zu den gleichen Abschlüssen geführt werden.“ (§ 2)
Voraussetzung dafür ist eine sprachsensible Unterrichts- und Schulentwicklung an den betroffenen Schulen zu verankern und weiterzuentwickeln.

Im Bereich der Unterrichtsentwicklung stellt das Deutschlernen in mehrsprachigen Klassen (DemeK) einen wesentlichen Eckpfeiler für QuisS-Schulen dar. Darunter ist ein spezifisches Unterrichtskonzept, das die Entwicklung von bildungssprachlicher Sprachkompetenz fokussiert, zu verstehen.
Kolleginnen und Kollegen werden in Fortbildungen, derzeit im Primarstufenbereich und in den Klassen 5 und 6 darin unterstützt, in ihrem eigenen Unterricht Grundprinzipien und Methoden eines sprachsensiblen Unterrichts, in dem sprachliche Strukturen zunächst implizit erworben und automatisiert werden, zu entwickeln. Lehrerinnen und Lehrer werden sensibilisiert für sprachliche Probleme ihrer Schülerinnen und Schüler und für die Kompetenzen, die diese für eine erfolgreiche Schullaufbahn benötigen. Dabei geht DemeK von der Prämisse aus, dass der Unterricht selbst den Schülerinnen und Schülern sprachliche Mittel zur Verfügung stellen muss und sie Sprache vor allem über gute Beispiele lernen.
Daneben steht in der Primarstufe das bilinguale und koordinierte Lernen in Deutsch und einer Herkunftssprache im Fokus des Unterrichts (KOALA). Die Koordinierung erfolgt bei der Alphabetisierung und im Sachunterricht. In der Sekundarstufe bieten einige Schulen Unterricht in einer Herkunftssprache anstelle einer zweiten Fremdsprache an, um die Schülerinnen und Schüler in all ihren Potenzialen zu stärken.
Im Bereich der Schulentwicklung sind vor allem organisatorische Maßnahmen (z.B. Teambildung, Steuergruppen, regelmäßige Selbstevaluation) angesiedelt, die die Weiterentwicklung eines sprachsensiblen Unterrichts möglichst aller Lehrkräfte in allen Fächern stärken.
Nach zwei Jahren hat das Projekt QuisS bereits deutliche Spuren hinterlassen. Vielen der beteiligten Schulen ist es gelungen, die kontinuierliche sprachliche Förderung aller Schülerinnen und Schülerinnen im Regelunterricht anzusiedeln. Für das Schuljahr 2014/15 ist eine Erweiterung von derzeit 25 auf dann 100 Schulen mit weiteren Unterstützungsangeboten, beispielsweise in der Leseförderung, für die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer oder im Bereich der Seiteneinstiegsklassen geplant.


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