Abschied nehmen von der „reinen Sprache“ Interview mit Prof. Ofelia García, Gastprofessorin an der Universität zu Köln, über „Translingualismus”

Abschied nehmen von der „reinen Sprache“
Interview mit Prof. Ofelia García, Gastprofessorin an der Universität zu Köln, über „Translingualismus”

Aus dem Amerikanischen übersetzt und zusammengefasst von Karl-Heinz Heinemann • Artikel im ZMI Magazin 2015, S. 9

Frau García, was machen Sie hier in Deutschland?
Ich bin als Gastprofessorin an der „Competence area social inequalities and intercultural education” an der Universität zu Köln. Ich werde sechs Wochen im Jahr hier sein, und dann werde ich im nächsten Jahr wiederkommen.
Und in den USA arbeiten Sie in der Lehrerausbildung für die zweisprachige Erziehung?
Ich war zwar die längste Zeit in meiner akademischen Laufbahn in der Lehrerausbildung, dann war ich einige Zeit Dekanin einer Lehrerausbildungsschule, ich war Professorin für Erziehungswissenschaft an der Columbia Universität, doch nun arbeite ich nur noch mit Doktoranden, die auf dem Gebiet der Bilingualität forschen, über die Bildung von Sprachminderheiten, über Sprachenpolitik und Erziehung, weltweit und in den USA.

Frau García, Sie bringen einen Ansatz in die mehrsprachige Erziehung, der sich Translanguaging nennt. Können Sie das mal erklären?
Translanguaging ist nicht meine Erfindung. Das war ein Lehrer in Wales, der glaubte, dass die beiden Sprachen von zweisprachigen Leuten nicht völlig getrennt sind. Die Vorstellung, dass sie in einem Bereich nur Walisisch lesen, schrei-ben und sprechen sollen, und Englisch lesen, schreiben und sprechen in dem anderen Bereich, so funktioniert das nicht mit der Zweisprachigkeit. Zweisprachige Leute haben zwar diese zwei Sprachen, aber sie sind doch eine Person mit einem inneren Sprachsystem. Das sind nicht zwei Einsprachige in einem, sondern das ist ein zweisprachiger Mensch. Wie unterrichtet man sie nun mit zwei Sprachen in einem inneren Sprachsystem? Ich selbst und andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler begannen darüber nachzudenken, wie es das Konzept von Zweisprachigkeit verändert und wie es das zweisprachige Unterrichten verändert.
Wir sagen, zweisprachige Leute haben ein System, eine mentale Grammatik. Das sind natürlich sozial zwei oder drei Sprachen. Sie sprechen zum Beispiel Englisch und Deutsch, doch Sie haben nur eine mentale Grammatik. Sie wissen aber, wann die eine Sprache dran ist und wann die andere. Und deshalb ist unsere Idee, über die Sprache nicht aus der Perspektive der Nation, sondern aus der Perspektive der Menschen nachzudenken. Und die Menschen haben ein Repertoire, eine mentale Grammatik, und was sie dann machen ist, einzelne Bestandteile angemessen auszuwählen nach den unterschiedlichen Situationen.
Wenn man so über Zweisprachigkeit denkt, muss man auch anders unterrichten. Man muss das ganze Repertoire berücksichtigen, nicht nur diese Sprache oder jene Sprache. Wie kann man dieses Repertoire, das das Kind hat, auch nutzen? Und dann geht es nicht, wie so manche Lehrerinnen und Lehrer üblicherweise sagen: Nein, nein, nun bist du in der deutschen Klasse, jetzt darfst du nicht irgendetwas anderes sprechen.
Wenn du nicht deine eigenen Ressourcen benutzen kannst, um den Sinn neuer sprachlicher Merkmale zu erschließen, dann kannst du sie dir nie richtig aneignen. Deshalb spreche ich auch nie von Zweitsprachen, weil ich glaube, wenn die Kinder etwas richtig zu ihrer eigenen Sprache gemacht haben, da kann es nicht eine Zweitsprache sein, es muss ihre Sprache sein. Mit Merkmalen, die sich vielleicht unterscheiden von denen eines deutschen Einsprachigen oder eines Englisch sprechenden Einsprachigen, denn nun hat man es mit einem sehr ausgedehnten und komplexen Repertoire zu tun. Und das macht es unterschiedlich, aber nicht defizitär.

Aber man hat ja auch in einer Sprache unterschiedliche Ebenen, und man muss immer entscheiden, auf welcher Ebene man mit jemandem spricht.
Sie haben völlig Recht. Der Gedanke ist der, dass jeder Mensch translingual ist, jeder! Aber bei einem Einsprachigen ist das Repertoire entsprechend kleiner, und das muss man in der Schule auch beachten. Ein Zweisprachiger hat ein größeres Repertoire und in der Schule muss er nur einen ganz kleinen Teil seiner spezifischen Sprachmerkmale nutzen.
Einsprachige dagegen benutzen in der Schule die meisten ihrer Sprachmerkmale. Die meisten ihrer Features sind in der Schule erlaubt, doch bei den Zweisprachigen sind mehr als die Hälfte ihrer Sprachmerkmale in der Schule ausgeschlossen.

Kinder und Jugendliche müssen doch ihre Sprache von der umgangssprachlichen zu differenzierten Formen, einem „elaborierten Code“ weiter entwickeln. Und ich frage mich, ob das möglich ist in verschiedenen Sprachen. Muss man das nicht zunächst in einer Sprache versuchen, die man auch sauber von der anderen abgrenzt? Und wenn man jetzt, wie Sie, von einer individuellen Sprache ausgeht, die sich aus verschiedenen Sprachen bildet, bleibt da nicht die Differenziertheit der Sprache unterentwickelt?
Man kann auch als Mehrsprachiger einen elaborierten Code entwickeln. Mehrsprachige Personen haben sehr ausgefeilte Sprachzüge, sie kontextualisieren etwas in der einen oder in der anderen Sprache. Aber die Sprachmerkmale, mit denen sie arbeiten, können andere sein als die von Einsprachigen. Wir müssen gegen diese Vorstellung von sprachlicher Reinheit ankämpfen. In einer mehrsprachigen globalisierten Welt können Menschen einvernehmlich ihre Sprachcodes wechseln, das wird die wichtigste linguistische Aufgabe in der Zukunft sein. Wir wollen, dass unsere Kinder mit verschiedenen Sprachen umgehen können, vorwärts und rückwärts. Die Idee einer sprachlichen Reinheit ist nicht mehr realisierbar in einer globalisierten Welt. Meine Vorstellung ist, dass jemand ein kultivierter Sprecher werden und über komplexere Dinge sprechen kann in einer neuen Sprache, wenn er sein volles Repertoire als Grundlage nutzen kann. Deswegen glaube ich, dass es sehr wichtig für die Kinder ist, mit dieser mehr zusammenfließenden Art des Sprechens vertraut zu sein.
Eine meiner größten Frustrationen ist das iPhone. Wenn ich dort Texte schreibe, etwa an meine Familie, dann schreibe ich nie nur in einer Sprache. Ich benutze ständig Worte aus verschiedenen Sprachen, so kann ich mein Repertoire ohne Einschränkungen benutzen. Aber beim iPhone muss ich den Knopf drücken, ist es nun Englisch oder Spanisch, sonst schreibt es das falsche. Das ärgert mich. Das iPhone kennt nicht Translanguage.

Wie gehen wir mit Translanguaging in den Schulen um? Sie haben in New York City vor allem mit spanischsprechenden Schülerinnen und Schülern und Lehrkräften zu tun. Doch bei uns sprechen die Schülerinnen und Schüler zum Beispiel Türkisch und die meisten Lehrkräfte können kein Türkisch…
In New York City haben die Lehrerinnen und Lehrer inzwischen auch Klassen mit 23 Sprachen vor sich. Das ist unmöglich für eine Lehrkraft, 23 Sprachen zu sprechen! Deswegen sage ich immer: Zunächst einmal brauchen wir eine andere Art des Lehrens, des Unterrichtens! Die Lehrkraft kann nicht einfach „Stofflieferant“ sein, sie muss mit den Kindern lernen.
Ich kann Ihnen als Beispiel die Klasse von Andy Brown vorstellen. Ich weiß gar nicht, wie viele Sprachen er in seiner Klasse hat. Die meisten Schülerinnen und Schülern sprechen Arabisch, Polnisch und Spanisch. Aber da sind noch weitere mindestens vier Sprachen in der Klasse. Aber alle lernen die englische Sprache. Ich nenne sie „emerging bilinguals“. Das ist wichtig für die Lehrkraft zu verstehen, dass sie, wenn sie ihnen Englisch beibringen, ihre Zweisprachigkeit entwickeln. Deshalb müssen die Lehrkräfte sich selbst Zweisprachigkeit aneignen. Was Andy macht, ist eigentlich sehr einfach. Als erstes versorgt er die Kinder mit viel Material in der Sprache, die sie sprechen. Das ist nicht schwierig, denn viele Eltern sind ganz froh darüber, z. B. etwas auf Polnisch vorbeizubringen. Und dann hat er eine Menge iPads der Klasse. iPads sind großartig, denn früher, als die Kinder Wörter im Wörterbuch nachsehen mussten, kostete das eine ganze Menge Zeit, das Wort zu finden. Nun können sie das sofort. Und für ihn, wenn er ein Kind hat, dass gerade gestern angekommen ist und kurdisch spricht und da ist ein Wort auf Kurdisch, dann schreibt er das in sein iPad und das übersetzt es. Das ist zwar nicht perfekt, aber es ist ein Fortschritt und das Kind kann sofort anfangen. Das Wichtige ist doch, dass das Kind dann sofort und nicht erst in einem Jahr anfangen kann zu sprechen, das wäre doch ein verlorenes Jahr! Dafür braucht man einen anderen Typ von Lehrkraft.
Die Mütter kommen am Morgen und überprüfen, ob die Wörter richtig geschrieben sind. In ihrer Sprache, denn die Kinder, das sind Viertklässler/innen, die wissen das nicht. Und dann kommen die Mütter und dann bringt das Gemeinschaft in die Klasse. Die arbeiten wirklich hart zusammen. Das geht nicht mit der Pädagogik, nicht mit Strategie, dazu muss man einen bestimmten Standpunkt haben. Dass das Kind, das dabei ist, eine neue Sprache zu entwickeln, es integriert in das, was es schon hat, um dann damit zu arbeiten. Dazu muss man bestimmte Strategien und Materialien haben und es ist nicht einfach das zu kombinieren. Bei manchen Sprachen ist es kein Problem, in anderen ist es ein Problem.

Also muss die Lehrkraft nicht alle Sprachen der Schülerinnen und Schüler sprechen?
Was Andy tut, ist, dass er Tonbänder hat von einigen der Geschichten, die er vorliest. Nachdem er eine Geschichte auf Englisch gelesen hat und die Vokabeln auf die mehrsprachige Tafel geschrieben hat, sollen die Schülerinnen und Schüler zu zweit darüber sprechen, was er gerade vorgestellt hat. Das lässt er sie dann in der Sprache machen, die sie haben, wie auch immer. Und wenn sie das gemacht haben, dann lässt er die Eltern die Geschichten übersetzen und die Geschichten in ihrer Sprache lesen. Und dann stellt er diese Geschichten im Audiozentrum bereit. Wenn man dann in das Hörzentrum geht, dann hören die Kinder die Geschichten nie in der Sprache, die sie selbst sprechen; die chinesischen Sprecherinnen und Sprecher hören sich die spanische Geschichte an und die Spanierinnen und Spanier hören sich die chinesische Geschichte an. Sie kennen die Geschichte, die Lehrkraft hatte sie vorgelesen, aber sie möchten gerne diesen Klang hören und deswegen sage ich, dass in dieser Klasse nicht nur einfach Sprache gelernt wird, das ist nicht nur Englisch, was sehr wichtig ist für die Kinder, wenn sie für immer in den Vereinigten Staaten bleiben wollen, aber es ist auch die sprachliche Toleranz. Eine Toleranz für die Unterschiede. Das ist eine der wichtigsten Werte, die wir unseren Kindern für die Zukunft mitgeben können. Wie man miteinander tolerant umgehen kann.
Das sicher sehr wichtig. Die Kommunikationsfunktion der Sprache ist zentral. Aber eine andere ist ja auch, mit der Sprache eine bestimmte Art Denken zu lernen. In Deutschland sollte man zum Beispiel in Deutsch lernen, auch Goethe zu verstehen oder im Englischen Walt Whitman oder Shakespeare.
Klar. Aber es ist auch wichtig, Kultur aus unterschiedlichen Perspektiven zu verstehen. Unterschiedliche Perspektiven geben Ihnen auch einen weiteren Blick auf die Kultur. Sicher ist es sehr wichtig, die deutsche Perspektive zu verstehen, aber der Blick von außen gibt auch einen anderen Blick, das ist sehr wertvoll. Das geschieht doch zum Beispiel auch, wenn wir reisen. Wir treten aus uns selbst heraus und wir sehen uns andere Dinge an. Das ist doch sehr wertvoll, auch um sich selbst besser kennen zu lernen ist es wichtig.

Was wollen Sie den deutschen Studierenden und Lehrerbildnern vermitteln?
Das Schwierigste für die Spracherzieherinnen und -erzieher ist zu begreifen, dass die Konzepte, mit denen sie bisher gearbeitet haben, im 21. Jahrhundert nicht mehr funktionieren. Die Konzepte, in denen wir immer betont haben: Wer ist ein native speaker? Was ist die erste Sprache? Was ist die Zweitsprache? Das sind Dinge, die werden nicht mehr funktionieren. Ich möchte gerne rekonstruieren, was wir bisher wissen, denn was wir bisher gemacht haben, hat nicht funktioniert! Es ist ja nicht so, dass wir besonders erfolgreich gewesen wären! Wir tun immer noch so, als ob die Kinder Einsprachige wären, und damit sind wir aber nicht erfolgreich. Deshalb lasst uns mal etwas Neues ausprobieren, lasst es uns riskieren! Lasst uns die Sache nochmal aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Und dann schauen wir mal, ob dieser neue Blickwinkel uns bessere Ergebnisse bringt. Das möchte ich gerne vermitteln.


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