„Der Seiteneinstieg in das deutsche Schulsystem“ – Studierende erforschen die Praxis an Kölner Schulen

„Der Seiteneinstieg in das deutsche Schulsystem“ – Studierende erforschen die Praxis an Kölner Schulen

Dr. Nora Rüsch und Dr. Henrike Terhart • Artikel im ZMI Magazin 2014, S. 15

Wer in jungen Jahren ohne Deutschkenntnisse in die Bundesrepublik kommt, steht vor der Herausforderung des Einstiegs in das deutsche Schulsystem: Eine fremde Sprache muss am besten in kürzester Zeit erlernt werden – und das in unbekannter Umgebung mit womöglich anderen offiziellen und inoffiziellen Regeln. Die neu zugewanderten Schülerinnen und Schüler werden oftmals als „Seiteneinsteiger“ bezeichnet. Sie kommen aus unterschiedlichen Weltregionen und gesellschaftlichen Zusammenhängen.
Lehrkräfte stehen vor der Aufgabe, ihre neuen Schülerinnen und Schüler mit den zum Teil für sie unbekannten Anforderungen des schulischen Alltags vertraut zu machen und den Erwerb des Deutschen als Zweit- bzw. Fremdsprache zu begleiten. Ein Lehrforschungsprojekt der Universität zu Köln bietet Studierenden nun Einblicke in die schulische Praxis, um sie auf diese Aufgabe vorzubereiten – sie sollen vor Ort in den Klassen miterleben, wie der „Seiteneinstieg“ gestaltet wird.

Rahmenbedingungen und Struktur des Lehrforschungsprojektes
Als Lehrforschungsprojekt konzipiert, werden Studierende der Universität zu Köln vorbereitet und begleitet, als Forscherinnen und Forscher in Kölner Schulen zu gehen. Je ein/e Studierende/r des Lehramts sowie des Masterstudiengangs „Interkulturelle Kommunikation und Bildung“ bilden dabei ein Tandem, das mit einer der beteiligten Schulen kooperiert. Insgesamt zehn Grund-, Real- und Gesamtschulen sowie ein Gymnasium und ein Berufskolleg haben sich bereit erklärt, den Studierenden Einblicke in ihre Arbeit zu gewähren. Über drei Monate werden die Studierenden wiederholt eine Schule besuchen. Das Projekt erstreckt sich über zwei Semester: Im ersten liegt der Fokus auf der Sammlung von Forschungsmaterial in den Schulen durch Beobachtung, Interviews und Sammeln von Dokumenten. Im folgenden Semester werden die Ergebnisse in einer „Forschungswerkstatt“ gemeinsam analysiert. Die Ergebnisse des Forschungsprojektes werden im Anschluss mit den beteiligten Schulen diskutiert.
Geleitet wird das Projekt durch ein interdisziplinäres Team, das die Perspektiven der Erziehungswissenschaft und der Sprachwissenschaft miteinander verknüpft. Zwei Fakultäten sind beteiligt, außerdem unterstützt das Zentrum für LehrerInnenbildung (ZfL) der Universität zu Köln sowie das ZMI – Zentrum für Mehrsprachigkeit und Integration das Vorhaben.
Ein Projekt – vier Ziele
Forschendes Lernen
Theorie und Praxis kommen zusammen: Die Studierenden lernen verschiedene Forschungsmethoden kennen und können diese theoretisch einordnen. Im Anschluss werden sie selbst forschend tätig und wenden die Methoden in konkreten Situationen an: Sie führen ExpertInneninterviews mit Lehrkräften und beobachten den Unterricht. Das Projekt bildet den kompletten Zyklus des empirischen Arbeitens ab: Material zu einer Forschungsfrage wird erhoben, aufbereitet, ausgewertet und interpretiert.
Interdisziplinäres Arbeiten
Die Kerneinheit des Projekts bilden die interdisziplinären Tandems aus je einem Lehramts- und einem Masterstudierenden. Das Tandem forscht und arbeitet die gesamte Zeit über als Team, doch jeder mit den Methoden „seines“ Fachs:
Wie die Lehrkräfte den Unterricht didaktisch gestalten und wie sie mit der sprachlichen Vielfalt der neu zugewanderten Schülerinnen und Schülern umgehen, interessiert die Lehramtsstudierenden. Sie dokumentieren Unterrichtsformen und interviewen die Lehrkräfte. Die durch die Studierenden des Masterstudiengangs „Interkulturelle Kommunikation und Bildung“ vertretene pädagogisch-sozialwissenschaftliche Perspektive rückt demgegenüber die Interaktion zwischen den Akteurinnen und Akteuren der Schule in den Blick. Sie nehmen beobachtend an dem Geschehen in der Schule teil. Dabei ist nicht nur die Beziehung zwischen Schülerinnen und Schülern sowie den Lehrpersonen von Interesse, sondern auch die Beziehungen der Kinder und Jugendlichen untereinander soll Beachtung finden. Was in den Schulen passiert, wird so aus mehreren Blickwinkeln beleuchtet. In der Auswertung werden diese Perspektiven vergleichend zusammengeführt.
Organisation und Zusammenarbeit

Die Studierenden werden in Seminaren methodisch geschult. Im Anschluss sind sie in Eigenregie tätig: Zuerst müssen sie sich zu zweit organisieren und eine Tandemstruktur aufbauen. Dann nehmen sie Kontakt zu den Lehrkräften auf und koordinieren ihren Zugang zum Forschungsfeld Schule: Wer hat wann Unterricht? Welche Zeiten eignen sich für die Schulbesuche? Wann und wo kann ein Interview geführt werden?
Verantwortung für die eigene Arbeit zu übernehmen, heißt sich selbst zu organisieren und mit anderen im Team zusammenzuarbeiten. Es stärkt nicht zuletzt die Kompetenz, eigenständig und selbstorganisiert im Team zu handeln und sich mit den Strukturen einer pädagogischen Institution vertraut zu machen.
Praxisbezug

Die Studierenden lernen den Schulalltag kennen. Sie greifen nicht aktiv ins Geschehen ein oder unterrichten selbst, sondern sie beobachten. Das schult ihre Wahrnehmungsgabe und sensibilisiert sie für das komplexe schulische Geschehen. Wer beobachtet, kann die Perspektive wechseln und Handlungspraktiken bewusst wahrnehmen. Diese Erfahrung bringt Vorteile im Beruf – sei es als Lehrkraft oder außerhalb des schulischen Kontexts.

 


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