„Die neu zugereisten Kinder und Jugendlichen bringen sehr unterschiedliche Bildungsbiographien mit.“

„Die neu zugereisten Kinder und Jugendlichen bringen sehr unterschiedliche Bildungsbiographien mit.“
Ein Interview mit der pädagogischen Leiterin des kommunalen Integrationszentrums (KI), Abir Lucassen

Die Fragen stellte Jolanta Boldok, ZMI • Artikel im ZMI Magazin 2015, S. 29

Frau Lucassen, im Bildungsbereich des KI haben Sie zwei Beratungsschwerpunkte: Sie beraten zum einen Familien mit schulpflichtigen Kindern aus dem Ausland, bevor sie die Schule in Köln besuchen, und zum anderen beraten Sie Schulen zum Thema Seiteneinstieg, wenn die Kinder an den Schulen angekommen sind. Wie finden die Familien mit ihren Kindern überhaupt zu Ihnen ins KI?
Sobald Familien mit ihren schulpflichtigen Kindern aus dem Ausland kommen und ihren Wohnsitz in Köln anmelden, informiert das Einwohnermeldeamt das Amt für Schulentwicklung darüber. Diese Familien werden dann schriftlich aufgefordert, sich gemeinsam mit ihren Kindern im KI beraten zu lassen, sofern sie über keine oder nur geringe Deutschkenntnisse verfügen. Das gilt für den Primar- und den Sek I-Bereich. Nach der Erstberatung im KI werden die Kinder durch das Schulamt einer Vorbereitungsklasse zugewiesen.

In welchen Schulformen gibt es in Köln Vorbereitungsklassen?

In allen Schulformen. Knapp 150 Vorbereitungsklassen wurden bis Ende des Schuljahres 2014/15 für die Primar- und die Sekundarstufe I eingerichtet.

Was gibt es für ältere Jugendliche? Wer informiert und berät sie?

Das KI bietet auch Beratung für den Sek II-Bereich an. Hier werden Jugendliche und junge Erwachsene, die erst seit kurzer Zeit in Köln leben, zu allgemeinen schulischen und berufsbezogenen Bildungswegen informiert und beraten. Im Schuljahr 2014/15 gab es 17 Internationale Förderklassen (IFK) in verschiedenen Berufsfeldern und auf unterschiedlichen Lernniveaus. Die Jugendlichen werden gegebenenfalls auch über Angebote zur Überbrückung bis zur Aufnahme in eine IFK informiert.

Haben Sie schon mal eine Vorbereitungsklasse oder eine IFK besucht? Wie würden Sie diese beschreiben?
In meiner eigenen Schulzeit hatte ich eine Vorbereitungsklasse in einem Gymnasium besucht und dort selbst gelernt, von links nach rechts zu schreiben. Meine Klasse hieß damals „Ausländerklasse B“. Heute sind die Vorbereitungsklassen nicht viel anders: Die Klassen sind sehr heterogen zusammengesetzt. Die neu zugereisten Kinder und Jugendlichen bringen sehr unterschiedliche Bildungsbiographien mit. Als zentrale Ziele gelten hier das Erlernen der deutschen Sprache und die schnellstmögliche Eingliederung in Regelklassen. Anders als zu meiner damaligen Schulzeit ist heute in den Vorbereitungsklassen die Situation so, dass die Kinder und Jugendlichen während des laufenden Schuljahres hinzukommen. Anders ist auch, dass einige unter den Lernenden außerschulische Unterstützung im psychosozialen Bereich benötigen.

Was zeichnet aus Ihrer Sicht eine gelingende Beratung im Zusammenhang mit der Neuzuwanderung nach Deutschland aus?
Authentisch sein und Interesse an den Menschen haben. Das ist aus meiner Sicht eine Grundvoraussetzung. In den Beratungen geht es neben der inhaltlichen Ebene in jedem Fall auch um die soziale Dimension. Ich erlebe es meist so, dass hier eine warme und freundliche Atmosphäre entsteht. Es ist sicherlich hilfreich, wenn ich als Beraterin anschlussfähig und gut in Kontakt bin. Dazu gehören auch eine empathische Haltung und die unbedingte Wertschätzung als eine Art von Beziehung, die wir „auf Augenhöhe“ nennen. Unsere Mehrsprachigkeit ist ebenso vorteilhaft.

Bei welchen Fragen bieten Sie Seiteneinsteigerberatung für Schulen an?
Wir informieren einerseits über rechtliche Grundlagen und Standards für den Unterricht in Vorbereitungsklassen. Andererseits bieten wir regelmäßige Praxistreffen und Workshops für Lehrkräfte entsprechend ihren aktuellen Bedarfen an. Die Fragen der Schulen sind sehr vielfältig. Manche Fragen betreffen die Berufsvorbereitung, die Lernmaterialien oder die Feststellungsprüfung in der Muttersprache anstelle einer zweiten oder dritten Pflichtfremdsprache. Ebenso werden Fragen zum Umgang mit Traumata, mit sonderpädagogischer Förderung oder mit interreligiösen Themen gestellt. Manchmal sind es methodisch-didaktische Themen. Z.B. „wie kann der Unterricht auf unterschiedlichen Lernniveaus erfolgen?“ Immerhin sind unter den Lernenden einige mit Bedarf an Alphabetisierung. Entweder als Zweitschrift-Lerner oder, weil es vorher aus verschiedenen Gründen nicht möglich war, eine Schule zu besuchen. Die Kölner Schulen leisten viel im Seiteneinstieg. Wir bemühen uns, sie dabei zu unterstützen. Besonders freuen wir uns im KI darüber, dass sich immer mehr Schulen für die Prozesse interkultureller Schulentwicklung interessieren und Schulen die Erfahrung machen, dass alle Schüler, auch ohne Migrationshintergrund, davon profitieren.

Wie sollen die Schulen mit den Seiteneinsteigerkindern umgehen? Was rät das Kölner Integrationszentrum, damit die Integration dieser Kinder und Jugendlichen gelingt?
Es gibt nicht die „Seiteneinsteigerkinder“, und es gibt auch kein Rezept für den Umgang mit den Kindern und Jugendlichen! Jedes Kind ist anders, jede Familie ist anders. Gemeinsam haben sie aber, dass sie in einem fremden Land sind und sich an ein neues soziales Netz und an eine neue Kultur gewöhnen müssen. Ohne Sprachkenntnisse und möglicherweise mit der permanenten Angst unterwegs, etwas falsch zu machen. Eine sensible Pädagogik ist hier wichtig, die die Ressourcen der Kinder im Blick hat und die Leistungsanforderungen individuell dosiert. Dazu gehören eine überschaubare Tagesstruktur, ritualisierte Abläufe, die ein Gefühl von Sicherheit bieten, und selbstverständlich auch klare Regeln, Grenzen und Konsequenzen. Für sie Alle gilt, dass sie so schnell wie möglich und qualitativ so gut wie möglich die deutsche Sprache erlernen. Die Sprache ist der Schlüssel zu Bildung, Integration und Teilhabe. Das ist auch meine persönliche Erfahrung. Wenn sich die Kinder und Jugendlichen in der neuen Schule sicher und angenommen fühlen, statt mitleidig betrachtet oder sich sogar zurückgewiesen fühlen, sind die Chancen für einen guten Start da. Ein Klima von Toleranz und Verständnis sowie wertschätzende Pädagogen gehören ebenso dazu. Viele unter den Kindern und Jugendlichen sind hoch motiviert und haben Ziele. Das sollten wir nutzen.


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