Interkulturelle Zentren fördern Potenzial der sprachheterogenen Gruppen

Interkulturelle Zentren fördern Potenzial der sprachheterogenen Gruppen

Klaus-Martin Ellerbrock • Artikel im ZMI Magazin 2014, S. 34

Interkulturelle Zentren in Köln
Schon seit 1979 fördert die Stadt Köln Interkulturelle Zentren – aktuell 35 -, die mit ihren vielfältigen Angeboten einen bedeutenden Beitrag zur Integration von nach Köln zugewanderten Menschen leisten und damit in besonderer Weise zu einem friedlichen, gleichberechtigten Zusammenleben aller Bevölkerungsgruppen in Köln beitragen. Sie bieten ein vielfältiges Programm für ganz unterschiedliche Altersgruppen, Sprachförderung, soziale Beratung, interkulturellen Austausch, Bildung und Kultur. Mehr als die Hälfte der Zentren bietet eine Hausaufgabenbetreuung. Die Zentren sind für viele zugewanderte Familien der passende Ort, an dem ihre Kinder Hilfe erfahren und die Eltern keiner Belehrung ausgesetzt sind.
Inzwischen ist das Konzept des Ganztags an den meisten Grund- und weiterführenden Schulen umgesetzt. Dennoch ist dieses Angebot der Interkulturellen Zentren wichtig, entweder weil der zahlenmäßige Bedarf an Ganztagsplätzen im Umfeld der Zentren nicht gedeckt werde, oder weil die spezifischen Anforderungen der Kinder mit Migrationshintergrund in den Regelangeboten nicht ausreichend Berücksichtigung finden. In den Zentren haben viele Betreuerinnen und Betreuer selbst Migrationshintergrund und sind kulturell und teilweise sprachlich den Schülerinnen und Schüler und ihren Familien näher.
Eines der aktuellen Instrumente, die von der Politik zur Förderung von Kindern eingeführt wurden, ist das „Bildungs- und Teilhabepaket“ (BuT). Den Anspruch der finanziellen Unterstützung aus dem BuT können nur Kinder einlösen, die von der Schule drohendes Schulversagen („das Klassenziel wird nicht erreicht“) bescheinigt bekommen und deren Familien von Leistungen des SGB II leben. Beide Kriterien grenzen die Gruppe der Empfängerinnen und Empfänger eng ein und stigmatisieren sie gleichzeitig. Außerdem wird beklagt, dass Schulen sehr zurückhaltend mit der Ausstellung der geforderten Bescheinigungen umgehen, weil sie damit immer auch die erfolglose Ausschöpfung ihrer eigenen Fördermöglichkeiten attestieren sollen. Aus diesem Grund ist das BuT als Möglichkeit der Finanzierung der Förderung des Schulerfolgs durch außerschulische Angebote der Zentren auch nur bedingt geeignet, was für eine institutionelle Förderung dieser Angebote der Zentren spricht.

Zur Unterschiedlichkeit der Zentren

Ganzheitlichkeit
Die interkulturellen Zentren bieten eine ganze Palette von Angeboten, die sich keineswegs ausschließlich an Kinder wenden und Erwachsene nur in ihrer Rolle als Eltern sehen. Sie verstehen sich als Lebensraum für Kölnerinnen und Kölner mit und ohne Zuwanderungshintergrund. So arbeiten Schülerinnen und Schüler, die Jahre lang von der Hausaufgabenhilfe profitiert haben, später selbst als Honorarkräfte in diesem Angebot, weil sie dem Zentrum verbunden bleiben wollen. Und so bieten sich ehemalige Teilnehmenden als Vorbilder an, denen die Kinder von heute nacheifern und an denen sie sich orientieren können. Dass Sprachlernende Sprachlehrende werden können, wird in den Zentren sichtbar und dies ist eine große Motivation für die dort betreuten Familien.

Ermutigung und Entfaltung
„Wir nehmen die Kinder erstmal mit dem ernst, was sie mitbringen“ erklärt Frau Rempel, Diplom-Psychologin bei Atlant e.V. und präsentiert eine Plakatreihe, die mit Roma-Kindern aus Bulgarien in ihrer Herkunftssprache erstellt wurde. „Damit haben sie sich zuerst als Menschen erlebt, die etwas zu sagen haben. Das Interesse an der Sprache Deutsch, die sie brauchen, um sich mitzuteilen, kommt dann von selbst.“
„Die soziale Verankerung in einer über zwei Jahrzehnte und drei Generationen gewachsenen Besucherschaft ermöglicht partnerschaftlichen und solidarischen Umgang mit den Adressaten.“

Potenzialorientierung
Der Ansatz der Potenzialorientierung ist für die Interkulturellen Zentren nicht lediglich eine methodische Herangehensweise. Sie markiert vielmehr eine Grundhaltung gegenüber allen Besucherinnen und Besuchern, bzw. Nutzerinnen und Nutzern. Selbstverständlich haben Familien mit Zuwanderungsgeschichte so wie andere ein vitales Interesse daran, dass ihre Kinder zu fähigen und selbstständigen Menschen heranwachsen. Deshalb haben sie in der Regel großes Interesse an Rat, Hilfe und Begleitung, wie auch Teilhabe und Engagement. All das soll ihnen in den Interkulturellen Zentren geboten werden. Hier werden sie in der Wahrnehmung ihrer elterlichen Sorge ernst genommen. Es geht also nicht darum, vermeintliche Defizite von zugewanderten Eltern und Familien auszugleichen, sondern um ein Angebot, Eltern zu unterstützen, die dies auch wollen.
„Wer gibt Dir die Hausaufgaben?“ fragt Frau Temur, Sozialpädagogin beim Vingster Treff eine Teilnehmerin oder einen Teilnehmer. „Die Lehrer!“ Diese Antwort kontert Sie mit der Frage “und wenn Du etwas nicht verstanden hast, schaust Du dann nochmal nach, oder fragst Du jemanden? – Wer hat Dir diese Aufgabe gegeben?“ Dialoge dieser Art führen die Kinder an ihre eigenen Fähigkeiten und ermutigen Sie in ihrem selbständigen Lernen. „Lernen Lernen“ findet auch in der Hausaufgabenhilfe und den Förderangeboten der Zentren statt. Doch „Du bist wichtig und Du sollst Dich wichtig nehmen! Das sage ich den Kindern, sonst nützen die Techniken des Lernen Lernens gar nichts!“ unterstreicht Frau Temur.

Sprachförderung
Neben der Hausaufgabenhilfe findet in den Zentren auch gezielte Sprachförderung statt. Dabei geht es oft um die Entwicklung der Mehrsprachigkeit. Die Kenntnisse in ihrer Erst- oder Herkunftssprache werden dabei genutzt. Denn mehrsprachige Kinder haben oft schon spontan die Fähigkeit des Sprachvergleichs entwickelt und damit auch bessere Möglichkeiten, Strukturen und Gesetzmäßigkeiten sowohl ihrer Herkunftssprache als auch der deutschen Verkehrssprache, und später auch anderer Fremdsprachen zu erkennen und zu verwenden.
In Einzelfällen werden individuelle Unterstützungen geleistet. Gerade mit dieser intensiven Förderung werden gute Erfolge erzielt, wie einige Zentren in den für diesen Artikel geführten Experteninterviews erläutert haben.
Alltägliche Aktivitäten in den verschiedensten Bereichen sind immer zugleich auch Sprachanlässe. Hier entwickelt sich Sprachkompetenz im Zusammenhang mit Erfahrungswissen. Sprachenlernen ist nichts Eigenes, vom Alltag Abgegrenztes, sondern Leben und Sprache sind miteinander verbunden. Der Satz „Was ich nicht sagen kann, kann ich auch nicht denken“ kann ergänzt werden: „In der Sprache kann ich nur ausdrücken, was bereits Teil meiner inneren Welt ist“. Die Grenzen des Denkens werden von den Grenzen des individuellen Erfahrungsraums mitbestimmt. Sprachförderung in den interkulturellen Zentren ist daher als eine außerschulische Bildungsaufgabe zu verstehen.
Interkulturelle Zentren arbeiten in der Regel in breiter Vernetzung mit anderen Akteuren und Institutionen. Wenn Sie als Leserin oder Leser dieses Artikels an der Kooperation mit einem der Zentren interessiert sind, finden Sie die entsprechenden Kontaktdaten unter dem Link: http://www.stadt-koeln.de/leben-in-koeln/soziales/integration/interkulturelle-zentren-1


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