Das Netzwerk Herkunftssprachlicher Unterricht

Das Netzwerk Herkunftssprachlicher Unterricht

Antje Hansen • Artikel im ZMI Magazin 2019 S. 26

Die Durchführung des Herkunftssprachlichen Unterrichts (HSU) in Deutschland ist noch mit vielen Herausforderungen verbunden. In einigen Bundesländern wird HSU im Rahmen der Schule angeboten, in anderen gibt es kein staatliches Angebot. Der Unterricht wird hier von religiösen Einrichtungen oder privaten Elterninitiativen organisiert (vgl. Mediendienst Integration 2019). Die Organisatoren verbinden verschiedene Interessen mit der Durchführung, sollten aber in einem Ziel vereint sein: möglichst guten Unterricht anzubieten, der die Herkunftssprache fördert.
Um dieses Ziel zu erreichen, besteht auf mehreren Ebenen Handlungsbedarf. Oft sind Lehrkräfte nicht dafür ausgebildet, die Ziele des Lehrplans zu unterrichten; nur wenig gute didaktische Materialien stehen zur Verfügung; die Kinder müssen lange Wege zum Besuch des Unterrichts zurücklegen; Eltern sind nicht genügend oder gar nicht über das Angebot informiert etc. Verschiedene, mit dem HSU befasste Akteure stellen dabei spezifische Fragen: z.B. die Lehrkraft, die sich fragt, wie die Motivation der Kinder gesteigert werden kann, wie man erfolgreich mit heterogenen Gruppen Sprachunterricht gestaltet oder wo man gute Materialien für den Unterricht erhält. Der/ die Mitarbeiter(in) in der Bildungsverwaltung der/die sich fragt, wie Lehrkräfte weiter gebildet werden sollen oder wie HSU in anderen Bundesländern angeboten wird. Oder der/die Wissenschaftler(in), der/die Forschungsinteressen diskutieren möchte und Kooperationspartner(innen) sucht. Der HSU hat große Fragen aber eine kleine Lobby.
Mit dem generellen Ziel zur Akzeptanz und Verbesserung des HSU in Deutschland beizutragen, wurde vor zwei Jahren ein Netzwerk gegründet. Den Anstoß gaben zwei Initiativen: zum einen KoMBi, die Koordinierungsstelle Mehrsprachigkeit und sprachliche Bildung an der Universität Hamburg, die einen vom Bundesbildungsministerium geförderten Forschungsschwerpunkt verwaltet. Zum anderen ProDaZ, ein Projekt an der Universität Duisburg-Essen, welches sich der Förderung sprachlicher Bildung in allen Schulfächern widmet.
Das Netzwerk hat zum Ziel, die am Thema beteiligten Akteure zusammenzubringen und einen Erfahrungsaustausch zu ermöglichen. Dabei war es den Initiatoren besonders wichtig Akteure aus verschiedenen Arbeitsfeldern (Lehrkräfte, Bildungsadministration und Forschung) und Bundesländern einzubeziehen. Weitere Absichten sind empirisch fundierte Informationen zum Herkunftssprachlichen Unterricht bereit zu stellen, denn zum Thema existieren viele Mythen und die Beteiligten verfügen oft über wenig Wissen über das Angebot und den Nutzen. Und schließlich neue Forschung zum HSU zu initiieren.
Im November 2017 fand ein erstes Treffen statt, wozu über die Kanäle der Gründungsinitiativen eingeladen wurde. Uns erreichten daraufhin viele Reaktionen, die deutlich machen, dass das Interesse an einer Vernetzung zum HSU in Deutschland groß ist. Weitere Treffen folgten, die vor allem dem Erfahrungsaustausch dienten. Mitarbeiter(innen) der Bildungsadministration berichten von neuen Entwicklungen in den Bundesländern, z.B. von der Einführung des HSU an Schulen im Saarland, oder Wissenschaftler(innen) von Konferenzen zum Thema. So können in 2019 mindestens drei Tagungen zum HSU in Deutschland verzeichnet werden, ganz abgesehen von vielen kleineren Veranstaltungen und Fortbildungen für Lehrkräfte. Weiterhin entwickelten sich Arbeitsgruppen zu verschiedenen Themenschwerpunkten, u.a. Didaktik des HSU, Bildungsadministration und -politik, Elternarbeit und Schreibmedien. Die Mitglieder tauschten Informationen aus und berieten, in welcher Weise sie zu den Zielen des Netzwerkes beitragen können. So entwickelte die Arbeitsgruppe Eltern ein Informationspapier zum Thema „Elterneinstellungen zum Herkunftssprachlichen Unterricht“.
Ein weiteres Ziel ist, die Fortbildung von Lehrkräften zu unterstützen. Dies geschieht bereits durch die Vermittlung von Expert/innen, die am Netzwerk beteiligt sind.
In Zukunft wird sich zeigen, was ein Netzwerk leisten kann, das auf Eigeninitiative der Mitglieder angewiesen ist und von befristeten Projekten getragen wird. Die bisherigen Aktivitäten haben jedoch gezeigt, dass bei einer großen Anzahl an Akteuren aus verschiedenen Bereichen großes Interesse an der Zusammenarbeit und vor Allem am Erfahrungsaustausch besteht. So haben sich die Mitglieder in einem Missionstatement darüber geeinigt, dass sie migrationsbedingte Mehrsprachigkeit als eine wertvolle Ressource betrachten und Herkunftssprachlichen Unterricht als einen wichtigen Bestandteil mehrsprachiger Bildung. Und er könnte noch viel mehr sein, etwa eine Brücke, wenn Schüler(innen) deutscher Herkunft Migrationssprachen lernen. Das Netzwerk bietet hier ebenfalls eine gute Plattform um Zukunftsperspektiven, wie das Angebot von Herkunftssprachen als moderne Fremdsprachen, zu diskutieren.

Mediendienst Integration (2019). Wie verbreitet ist herkunftssprachlicher Unterricht?
https://mediendienst-integration.de/fileadmin/Herkunftssprachlicher_Unterricht_2019.pdf
Elterneinstellungen zum Herkunftssprachlichen Unterricht (HSU). Ein Paper des Netzwerkes Herkunftssprachlicher Unterricht.

Webseite des Netzwerkes

https://www.uni-due.de/prodaz/hsu_netzwerk


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