Der Gesprächskreis „Deutsch als Zweitsprache“ für Lehrkräfte – Mehr als nur sprachliche Sensibilisierung

Der Gesprächskreis „Deutsch als Zweitsprache“ für Lehrkräfte – Mehr als nur sprachliche Sensibilisierung

Emilia Böttcher und Corina Volcinschi • Artikel im ZMI Magazin 2016, S. 19

„Ein Semester zurück in die Uni!“ So lautete die Einladung der gemeinsamen Initiative der Universität zu Köln, des Mercator Institutes für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache sowie der Bezirksregierung Köln an alle derzeitigen und zukünftigen Lehrkräfte verschiedenster Fächer und Schulformen zum Gesprächskreis „Deutsch als Zweitsprache“ (DaZ). Im Sommersemester 2015 und dem darauffolgenden Wintersemester wurde diese Veranstaltung von Studierenden des Masterstudiengangs „Interkulturelle Kommunikation und Bildung“ moderiert und gekoppelt an die „Einführungsvorlesung Deutsch als Zweitsprache“ an der Universität zu Köln angeboten.
Wenn wir über Sprachvermittlung im DaZ-Bereich und allgemein das sprachliche Lehren und Lernen sprechen, spielen nicht nur das fachliche, diagnostische und grammatikalische Wissen, sondern insbesondere auch die persönliche Haltung und Einstellung eine zentrale Rolle. Viele Lehrkräfte sind oft verunsichert, wenn sie eine Seiteneinsteiger- oder Integrationsklasse übernehmen sollen. Die defizitär geprägte Berichterstattung in den deutschen Medien beeinflusst unser Bild von neu zugewanderten Kindern und Jugendlichen dabei oft mehr, als wir selbst wahrhaben möchten. Mit dem Wissen um die Tatsache, dass ein Klassenverband ohnehin niemals homogen sein kann, wird unbewusst und oft ungewollt ein Unterschied zwischen „unseren“ und „den neuen, fremden, anderen Schülerinnen und Schülern“ erzeugt. Wie und warum konstruieren wir bewusst oder unbewusst „die anderen Schülerinnen und Schüler“ oder „die Flüchtlinge“? Welche Vorurteile, Stereotype und versteckten Rassismen spielen dabei eine Rolle? Das sind Fragen, die sich Studierende und Lehrkräfte aller Fächer und Schulformen stellen müssen, wenn ein DaZ-Unterricht gelingen und wir unseren Mitmenschen auf Augenhöhe begegnen möchten. Eine selbstreflexive Haltung, welche nicht zuletzt das Wissen beinhaltet, dass sich „interkulturelle Kompetenz“ nur als ein lebenslanger Lernprozess entwickeln kann, bildet daher die Kernkompetenz bei der Durchführung eines erfolgreichen DaZ-Unterrichts. Der Gesprächskreis bot nun die Möglichkeit, an diesem Punkt anzusetzen und sich mit eigenen Denkmustern und Handlungsweisen auseinanderzusetzen. Den Lehrkräften wurde in diesem Kontext erstmalig die Möglichkeit geboten, sich mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Schulformen und Fachbereichen mit unterschiedlichsten Erfahrungen im DaZ-Bereich auszutauschen. Einerseits wurden die Themen der von Prof. Dr. Hans-Joachim Roth, Dr. Christoph Gantefort und Prof. Dr. Michael Becker-Mrotzek gehaltenen Vorlesung in Bezug auf die Praxis besprochen und vertieft. So hatten die Lehrkräfte über den Gesprächskreis die Chance, ihr linguistisches und sprach-
erwerbstheoretisches Grundlagenwissen zu erweitern. Andererseits wurden sowohl sprachdiagnostische Methoden als auch Programme und Modelle im Bereich Deutsch als Zweitsprache für Schule und Unterricht vorgestellt, sowie über die Inhalte und Anwendungsmöglichkeiten für den Schulalltag reflektiert. Anhand unterschiedlicher Methodenzugänge, begleitet von Literaturbeispielen, Videoauszügen und Unterrichtsmaterialien, wurde das Thema Deutsch als Zweitsprache von verschiedenen Seiten betrachtet und die Bedeutung der L1, auch für den Fachunterricht, herausgearbeitet. Die offene Moderation, der aktive Austausch von Material und Erfahrungen sowie die Durchführung von analytischen Übungen gewährleisteten eine selbstbestimmte und flexible Organisation des Gesprächskreises, die es erlaubte, auf spezifische Problemstellungen und Situationen aus der individuellen, interkulturellen Praxis der beteiligten Lehrkräfte einzugehen. Von dieser anregenden, selbstreflexiven Art des Lernens und Austausches profitieren nach unserer Erfahrung Lehrkräfte und Moderatorinnen und Moderatoren gleichermaßen.

Emilia Böttcher und Corina Volcinschi moderierten und gestalteten den Gesprächskreis „Deutsch als Zweitsprache“ im Sommersemester 2015 sowie im Wintersemester 2015/ 2016.

 


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