„Experiment“ Eine interkulturelle Theatergruppe setzt Sprachenvielfalt in Szene Interview mit Wladimir Weinberg, Regisseur der jungen, interkulturellen Theatergruppe „Experiment“

„Experiment“ Eine interkulturelle Theatergruppe setzt Sprachenvielfalt in Szene Interview mit Wladimir Weinberg, Regisseur der jungen, interkulturellen Theatergruppe „Experiment“

Die Fragen stellte Christina Walter • Artikel im ZMI Magazin 2016, S. 28

„Mehrsprachigkeit, Multikulturalität, Interkulturalität – das ist obligatorisch für die professionelle Arbeit im Theaterbereich“
Wladimir Weinberg zeigt uns einen spannenden Weg über die Kunst zu neuen Sprachkenntnissen, hin zum Interesse an anderen Kulturen.

Herr Weinberg, was führte Sie zum Theater?
Die Theaterpädagogik war schon immer ein Teil meiner Arbeit. Ich bin ursprünglich aus Lettland und habe zehn Jahre lang als Gymnasiallehrer für russische Sprache und Literatur in Riga gearbeitet. Während dieser Zeit war ich insgesamt an zwei Schulen tätig und hatte immer eine Theatergruppe mit gymnasialen Schülerinnen und Schülern. Es war spannend, den jungen Leuten über das Theater ganz andere Möglichkeiten und neue Horizonte zu zeigen. Parallel war ich stellvertretender Leiter einer Theaterschule. Auch das war sehr interessant, weil ich das Theater liebe – das ist meine Leidenschaft. Ich denke, das Theater bietet eine einmalige Möglichkeit neue Lebenserfahrungen zu machen.

Wie ist die Theatergruppe „Experiment“ zustande gekommen?
Als ich vor 18 Jahren nach Deutschland kam, hatte ich nicht gedacht, dass ich in diesem Bereich weiter arbeiten und meine Erfahrungen aus Lettland umsetzen kann. Nachdem ich meine Sprachkurse absolviert hatte, machte ich ein Praktikum im osteuropäischen Kulturzentrum IGNIS e.V. in Köln und war für kulturelle und andere Veranstaltungen zuständig, meistens für Erwachsene. Und plötzlich kamen diese Erwachsenen auf mich zu und sagten mir, es sei ihnen wichtig, dass ihre Kinder die russische Sprache beibehalten. Sie hörten von meinen Erfahrungen im Theater und fragten mich, ob ich gemeinsam mit ihren Kindern eine Theatergruppe auf Deutsch und auf Russisch gestalten könnte. Das kam für mich sehr überraschend, weil ich in Deutschland sofort verstanden habe, dass das Bildungssystem und das Theaterbildungssystem anders sind als in der ehemaligen UdSSR. Aber es gab den Bedarf und ich sagte ja! So kamen 2003/04 zehn Jugendliche zwischen 12 und 15 Jahren zusammen – das war meine erste Gruppe.

Auf welchen Prinzipien beruht die Arbeit von „Experiment“?
Für unser erstes Stück habe ich nach langem Überlegen die ewige Dramatik „Shakespeare“ vorgeschlagen, wir nannten es „Ganze Welt ist Theater“ und „Spielen Shakespeare“. Es war für mich klar, dass diese Inszenierung aus verschiedenen Shakespeare-Stücken bestehen wird. Dabei haben wir sofort ein Prinzip festgestellt: Wir bereiten Theaterstücke in verschiedenen Sprachen vor, das heißt, wir müssen ein Prinzip finden, wie wir in einer Theateraufführung gleichzeitig verschiedene Sprachen benutzen. Das muss für das Publikum verständlich sein und eine Logik haben, also nicht künstlich, sondern natürlich sein. Warum war das für mich und die Jugendlichen so wichtig? Jedes beliebige Theater überlegt zuerst: wer sind meine Zuschauerinnen und Zuschauer? Für uns war natürlich von Anfang an die russischsprachige Community sehr wichtig. Aber wir haben sofort gemerkt: je breiter unser Auditorium, desto besser. Die zweite Sache war, dass die jungen Leute schon nach der zweiten Probe auf mich zukamen und fragten, ob sie ihre Freundinnen und Freunde mitbringen dürften. Diese seien aber nicht russischsprachig, sondern haben ganz verschiedene sprachliche Hintergründe. Deswegen war das ein weiterer Grund, warum dieses mehrsprachige Prinzip eines von unseren Hauptprinzipien ist. Dann langsam, langsam wurde unsere Gruppe von einer rein russischsprachigen zu einer interkulturellen.

Was macht die Theatergruppe Ihrer Meinung nach so besonders?
Erst einmal gibt es Jugendliche aus ganz verschiedenen Communities. Es gibt die russischsprachige Community, aber auch innerhalb dieser bestehen Unterschiede. Es gibt Jugendliche, die sehr gut russisch lesen und sprechen können, aber auch welche, die schon sehr weit davon entfernt sind. Natürlich gibt es noch ganz andere Gruppen, die im Laufe der Zeit mit uns gearbeitet haben. Hiesige, deutschsprachige Jugendliche, aber auch junge Leute mit polnischem, italienischem, türkischem oder anderem Migrationshintergrund. Als wir zum Beispiel unsere zweite Aufführung, „Kleine Tragödien“ von Alexander Puschkin, vorbereitet haben, ging es am Anfang nicht nur darum, den Text zu lesen und zu analysieren, sondern auch um die Hintergründe. Es war mir wichtig, dass sie etwas über Puschkin selbst wissen, aber auch die russische Geschichte und Kultur verstehen und ein Interesse dafür geweckt wird. Unser nächstes Stück, „Aus Russland mit der Liebe“ von Anton Tschechow, führten wir auf Deutsch, Russisch und Englisch auf. Sprache ist auch Sprachkultur, Geschichte, Tradition und so weiter. Wir möchten nicht wie im Schulunterricht, Sprache mit Pflicht verknüpfen, sondern Sprache immer über die Kunst, über das Spiel vermitteln. Deswegen entwickeln die Jugendlichen über die Sprache ein viel größeres Interesse an verschiedenen Kulturen. Unsere Theaterarbeit ist aber nicht nur besonders, weil wir über Kunst und Sprache die Neugierde von jungen Menschen für andere Kulturen wecken möchten, sondern weil wir – wie unser Name schon sagt – experimentieren. Im Laufe der Jahre haben wir ein sehr professionelles Team gewonnen. Darunter sind eine talentierte Bühnenbildnerin Anna Uritskaya sowie zwei begabte Kostümbildner Olga & Elena Bekritskaya, ein Spezialist an der Foto- und Videokamera Yuriy Brodsky und ein klasse technischer Leiter Serghey Suharev. Unser Theater ist auch deswegen ein Experiment, weil sehr erfahrene und professionelle Erwachsene mit jungen, meist im Theater unerfahrenen Amateurinnen und Amateuren zusammenarbeiten. Außerdem involvieren wir dieses Prinzip der Mehrsprachigkeit in unterschiedlichen literarischen Materialien und stellen diese selbstständig zusammen. Auch besteht in letzter Zeit die Tendenz, dass wir unsere eigenen Texte, unser eigenes Drehbuch schreiben. Deswegen ist es immer eine experimentelle Methode, nicht nur klassisches Theater. Für jede neue Aufführung suchen wir eine neue theatralische Sprache.

Welche Erfahrungen hat „Experiment“ bisher gemacht und welche Pläne gibt es für die Zukunft?
Im Laufe dieser zehn Jahre hatte ich schon drei Gruppen, drei Generationen an Jugendlichen. Wir hatten Shakespeare, Goethe, Puschkin, Tschechow und bei unserem letzten Projekt haben wir unser eigenes Drehbuch geschrieben. Während meiner Arbeit bei IGNIS e.V. lernte ich Victor Ostrovsky kennen, Geschäftsführer vom Kultur- und Integrationszentrum Phoenix Köln e.V.. Da IGNIS e.V. leider als Verein die Arbeiten einstellen musste, wurde ich Koordinator bei Phoenix und konnte die Theatergruppe so weiterführen. Unsere letzte Aufführung war in Riga im Rahmen des Programms EUROPEANS FOR PEACE, gefördert von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ). Von unserer Seite gab es die Theatergruppe „Experiment“, von lettischer Seite Schülerinnen und Schüler von Rigas Schule Nr. 71, unter anderem auch mit Inklusionsschwerpunkt. Dazu muss ich sagen, dass das Kultur- und Integrationszentrum Phoenix Köln e.V. zum Bundesverband russischsprachiger Eltern e.V. gehört und wir damit auch den Bundesverband dort vertreten haben. Der Schule in Riga gehören ein Rehabilitationszentrum und damit Schülerinnen und Schüler mit Beeinträchtigung an, sodass die gesellschaftlichen Hürden für Menschen mit Behinderung das Thema des Theaterstücks bildeten. Zusammen haben wir in Riga innerhalb einer Woche das Theaterstück geprobt und hatten schließlich eine große, gelungene Premiere. Unsere junge Gruppe hatte vorher teilweise gar kein Wissen über die russische Sprache oder Kultur, ebenso hatten die lettischen Schülerinnen und Schüler nur mangelhafte Kenntnisse über das Leben von Jugendlichen in Westeuropa. Ein Programmpunkt unserer einwöchigen Reise in Riga war der Besuch bei dem Oberbürgermeister Nils Ušakovs, der dieses Projekt sehr unterstützt. Und dabei zeigte sich für mich persönlich, über den Prozess der Sprachenmischung, ein interkulturelles Ergebnis. Ein Jugendlicher ohne Russischkenntnisse fragte mich, ob er die Begrüßung des Oberbürgermeisters auf Russisch sagen könne. Er lernte extra einen Text auswendig und fragte mich zu jedem Wort, was genau es bedeute. Andersherum hat eines unserer russischsprachigen Mädchen einen Begrüßungstext auf Lettisch vorbereitet. Es zeigte sich von null Interesse an einer Kultur, am Ende ein großes Interesse. Derzeit werben wir wieder neue Jugendliche an und schreiben an Texten zu dem Thema Migration. Wir beschäftigen uns mit aktuellen Problemen in der heutigen deutschen Gesellschaft und verfassen ein Drehbuch über konkrete Lebensgeschichten von Einheimischen und Migrantinnen und Migranten. Während wir unsere großen Aufführungen planen, zeigen wir schon bundesweit bei verschiedenen Veranstaltungen daraus kleine Ausschnitte. Parallel fangen wir ein Werk von Berthold Brecht an. Das sind unsere zwei großen Pläne für 2017. Mehrsprachigkeit und Interkulturalität sind also zwei unserer Hauptprinzipien. Wir versuchen weiterhin neue Formen für diese beiden Themen zu finden. Mehrsprachigkeit, Multikulturalität, Interkulturalität – das ist obligatorisch für die professionelle Arbeit im Theaterbereich. Insbesondere in der Theaterpädagogik, bei der Arbeit mit Jugendlichen aus verschiedenen Kulturen, Communities und mit unterschiedlichen Traditionen. Wir sind IGNIS e.V., dem Kultur-und Integrationszentrum Phoenix Köln e.V. und dem Bundesverband russischsprachiger Eltern e.V. sehr dankbar für die Unterstützung, die diese interkulturelle Theatergruppe ermöglichte und weiterhin ermöglicht.

 


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