Herkunftssprache anstelle der 2. oder 3. Fremdsprache Interview mit Şeyda Şengül-Karameşe, Dilek Gündoğan und Ümran Pargan

Herkunftssprache anstelle der 2. oder 3. Fremdsprache Interview mit Şeyda Şengül-Karameşe, Dilek Gündoğan und Ümran Pargan

Das Gespräch führte Rosella Benati • Artikel im ZMI Magazin 2019 S. 36

Welche Fächer und an welcher Universität habt ihr studiert?
Neben dem Fach Türkisch haben wir das Staatsexamen für das Lehramt in den Fächern Deutsch, Chemie, Sport und Sozialwissenschaften studiert.
Das Lehramtsstudium im Fach Türkisch haben wir in der Fakultät für Geisteswissenschaften der Universität Duisburg-Essen am Campus Essen absolviert. An der Universität Duisburg- Essen wird das Fach Türkisch seit dem Wintersemester 1995/1996 als Studienfach angeboten. Der Fachbereich ist bislang das größte Institut für Turkistik in ganz Deutschland.
Das Lehramtsstudium im Fach Türkisch für Haupt-, Real-, Sekundar- und Gesamtschulen (HRSGe) sowie Gymnasien und Gesamtschulen(GyGe) wird derzeit nur an der Universität Duisburg Essen angeboten.

Eure Gemeinsamkeit ist das Fach Türkisch, wieso habt ihr euch dafür entschieden?

Die Erfahrungen, die jeder Einzelne in seiner Kindheit macht, prägen nicht nur die Persönlichkeit, sondern spielen auch eine große Rolle bei der Zukunftsgestaltung. Ich bin in Deutschland geboren. Vor meiner Einschulung in der Türkei habe ich in Leverkusen 3 Jahre den Kindergarten besucht. Auf der Grundschule in der Türkei fand ich schnell den Anschluss an die Klasse, da ich keine sprachlichen Schwierigkeiten hatte und meine Familiensprache zu meiner Umgebungssprache wurde. Bevor die Grundschule zu Ende ging, kehrte ich nach Deutschland zurück und hatte wieder eine neue Umgebung. Dieser Abschnitt stellte eine wichtige Phase in meinem Leben dar. In Deutschland stand ich vor einer großen Herausforderung. Ich stellte fest, dass ich die im Kindergarten erworbenen Deutschkenntnisse verlernt hatte. Ich musste die sprachlichen Grundfertigkeiten wieder neu erwerben. Der Anschluss in Deutschland fiel mir auf allen Ebenen sehr schwer. Mir wurde bewusst, dass ich schnell Deutsch lernen musste, um Beziehungen aufzubauen, Freundschaften zu knüpfen und Bedürfnisse zum Ausdruck bringen zu können. Die vorhandenen Sprachkenntnisse im Türkischen haben mir schnelle Fortschritte beim Erlernen der deutschen Sprache ermöglicht.
Geprägt von den Erfahrungen hinsichtlich meiner Sprachentwicklung sowohl im Türkischen als auch im Deutschen machte ich es mir zur Aufgabe, mich intensiver mit beiden Sprachen zu befassen. Aus diesem Grund entschied ich mich für das Turkistikstudium.
Meine Kindheit habe ich bis zu meinem vierten Lebensjahr in der Türkei verbracht. Bei meiner Einschulung in Deutschland verfügte ich über keine Deutschkenntnisse, da meine Umgebungssprache Türkisch war. Die erste Klasse der Grundschule in Deutschland hat mich besonders geprägt, da fehlende Sprachkenntnisse veranlasst hatten, dass ich zum einen den Unterrichtsinhalten nicht folgen und zum anderen mich in das Schulsystem nicht etablieren konnte. Ich bemerkte, dass mir die Kompetenzen in meiner Muttersprache beim Erlernen der deutschen Sprache enorme Vorteile brachten. Meine Eltern legten großen Wert auf die Qualifikation in der Familiensprache bei allen türkischsprachigen Kindern, sodass sie sich für die Einführung des Türkischunterrichts an Grundschulen engagierten. Auch bei der Auswahl der weiterführenden Schule war es für sie von Bedeutung, das Sprachrepertoire der Schule in den Blick zu nehmen. Sie entschieden sich für ein Gymnasium, an dem das Fach Türkisch unterrichtet wurde. In der Schule hatte ich Chemie und Türkisch als Abiturfach und wollte gern auch weiter in der Richtung etwas machen. Die Fächer Türkisch und Chemie waren eine gute Kombination für mich, da ich neben meinen naturwissenschaftlichen Neigungen, meine Familiensprache im bildungssprachlichen Niveau erlernen und vermitteln wollte.

Meinen Eltern war es besonders wichtig, dass ich über eine gute Sprachkompetenz sowohl in Türkisch als auch in Deutsch verfüge. Aus diesem Grund habe ich eine Lesesozialisation in beiden Sprachen genossen. Während meine Eltern das Vorlesen in türkischer Sprache übernahmen, habe ich das Deutsche über Hörkassetten erworben. Ich entdeckte mit der Zeit mein Interesse an Sprachen und lernte an der weiterführenden Schule Englisch, Italienisch und Französisch. Während meines Germanistikstudiums an der Universität zu Köln habe ich mehrere Seminare belegt, um die sprachwissenschaftlichen Grundlagen der türkischen sowie der deutschen Sprache zu erlernen. Da mir die intensive Auseinandersetzung mit den sprachwissenschaftlichen Inhalten der beiden Sprachen Freude bereitete, habe ich den Fokus meiner universitären Ausbildung auf den Bereich des kontrastiven Sprachvergleichs und Mehrsprachigkeit gelegt.

Ihr unterrichtet an zwei unterschiedlichen Schulformen, Gesamtschule und Realschule. Wer nimmt an dem Herkunftssprachlichen Unterricht anstelle der 2. Fremdsprache teil und wie setzt sich die Schülerschaft zusammen?

Wir arbeiten an unseren Schulen mit Kindern und Jugendlichen, die mit unterschiedlichen sprachlichen Voraussetzungen am Herkunftssprachlichen Unterricht anstelle der 2. Fremdsprache teilnehmen. Die Heterogenität bezieht sich nicht nur auf die sprachlichen Fähigkeiten, sondern auch auf die Herkunft. Im Unterricht sind Jugendliche vertreten, deren Familiensprachen u.a. Kurdisch, Arabisch oder Bulgarisch sind, die Grundkenntnisse im Türkischen aufgrund ihrer familiären Sozialisation und / oder durch die Teilnahme am Türkischunterricht an den Grundschulen mitbringen.

Warum entscheiden sich eure Schülerinnen und Schüler im Wahlpflichtbereich für das Fach Türkisch?

Es liegen mehrere Beweggründe vor, die veranlassen, Türkisch als Wahlpflichtfach zu wählen. Einen Grund stellt der Wunsch, sich mit Familienangehörigen in der Türkei verständigen zu können. Darüber hinaus beeinflusst der Aspekt, dass Türkisch ein gleichwertiges Hauptfach ist und die 2. Pflichtfremdsprache für das Abitur erfüllt, die Entscheidung.
Weiterhin ist der Erwerb der türkischen Bildungssprache bedeutsam, um die Berufschancen auf dem globalen Arbeitsmarkt zu erhöhen.
Schließlich erhoffen sich viele Schülerinnen und Schüler aufgrund ihrer Vorkenntnisse gute Leistungen im Türkischunterricht zu erbringen.

Beobachtet ihr positive Auswirkungen auf andere Fächer?

Der Herkunftssprachliche Unterricht anstelle der 2. Fremdsprache orientiert sich am Kernlehrplan für das Fach Türkisch. Bei der Gestaltung des Türkischunterrichts legen wir großen Wert darauf, dass wir über alle Jahrgänge hinweg in Absprache mit anderen Kolleginnen und Kollegen fächerübergreifende Themen auswählen. Beispielsweise werden im Türkischunterricht Themen wie Vorgangsbeschreibung, Kurzgeschichten, Lyrik, Sachtexte etc. behandelt, die u. a. auch Inhalte des Unterrichtsfaches Deutsch darstellen. Der Türkischunterricht ist hinsichtlich der Berufsorientierung für die Schülerinnen und Schüler gewinnbringend, da sie auch im Türkischunterricht sowohl Bewerbungs- und Praktikumsmappen anfertigen. Anhand unserer Erfahrungen können wir an dieser Stelle als positive Resonanz festhalten, dass Schülerinnen und Schüler besonders komplexe Themen wie beispielsweise die Analyse und die Interpretation sprachlicher Stilmittel mithilfe der fächerübergreifenden und kontrastiven Unterrichtsgestaltung verstehen können.
Häufig ist der „AHA-Effekt“ bei Schülerinnen und Schüler zu beobachten, so dass er sich besonders motivierend auf das weitere Lernen auswirkt.

Wie werbt ihr dafür, dass sich Schülerinnen und Schüler für das Wahlpflichtfach Türkisch eintscheiden?

Vielen Eltern sind die Vorteile des Faches Türkisch anstelle der 2. Fremdsprache nicht bewusst. Es ist uns wichtig, Eltern über die Ziele und die Aufgaben dieses Unterrichts zu informieren, damit sie eine bewusste Entscheidung hinsichtlich des Wahlpflichtfaches treffen. Der Fokus des Türkischunterrichts liegt nicht nur auf der Förderung der sprachlichen Kompetenzen, es geht auch darum Literatur, Kunst und Geschichte zu vermitteln, die bei der Entfaltung der Persönlichkeit eine große Rolle spielen. In diesem Rahmen kommt der Elternarbeit in Form von fachbezogenen Elternabenden eine besondere Bedeutung zu, um den Eltern Einblicke in die fachliche Arbeit zu bieten. Des Weiteren ermöglichen Elterncafés eine weitere Plattform für den Kontakt und den Informationsaustausch. Lese- und Erzählwettbewerbe in Deutsch und in der Herkunftssprache, Austauschprogramme oder Studienfahrten leisten ergänzend einen Beitrag für den sprachlichen und interkulturellen Austausch. Zudem ermöglicht der durchgeführte Sprachstandtest den Kindern und Jugendlichen, eine Rückmeldung über ihre altersgerechte sprachliche Entwicklung zu bekommen. Basierend auf den Ergebnissen können Beratungsgespräche auch mit Eltern durchgeführt werden.

Welche sind eure Fortbildungsbedarfe?

Auch im Zuge der Inklusion machen wir in unserer Arbeit zunehmend die Erfahrung, dass Schülerinnen und Schüler beim Verstehen und Schreiben fachbezogener Texte, sowie bei der Teilhabe am fachlichen Diskurs Schwierigkeiten aufweisen. Diese Schwierigkeiten sind meist auf einen äußerst begrenzten Wortschatz in der türkischen und in der deutschen Sprache zurückzuführen. Die Vorkenntnisse der Schülerinnen und Schüler im Hinblick auf die unterschiedlich ausgeprägte Sprachkompetenz erfordert in erster Linie eine äußere Differenzierung an Schulen, z. B. einen Kurs für Schülerinnen und Schüler ohne Vorkenntnisse sowie einen Kurs für Fortgeschrittene. Aus unseren Erfahrungen geht hervor, dass Lehrkräfte vor allem Fortbildungsangebote brauchen, die eine Weiterqualifizierung der Kompetenzen in der Fremdsprachendidaktik veranlassen. Es ist hervorzuheben, dass für das Fach Türkisch differenziertes und kompetenzorientiertes sowie der Lebenswirklichkeit entsprechendes Material erforderlich ist, das die Umsetzung des Curriculums für den modernen Türkischunterricht ermöglicht. Nur so können wir den individuellen Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler, die am Türkischunterricht teilnehmen gerecht werden.

Vielen Dank für das Gespräch.


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