PROMPT! – Ein Projekt des Zentrums für LehrerInnenbildung der Universität zu Köln

PROMPT! – Ein Projekt des Zentrums für LehrerInnenbildung der Universität zu Köln

Sandra Longo • Artikel im ZMI Magazin 2019 S. 28

Diversität, auch sprachliche, ist in der Schule sowie in unserer Gesellschaft längst Realität. Schulische Lernumgebungen und Schule als Institution sind nicht isoliert vom gesellschaftlichen Kontext zu betrachten (Oleschko, S. 2017). Alle Kinder, die im deutschen Schulsystem sind oder neu dazukommen, also auch Kinder und Jugendliche neu zugewanderter Familien, sollen nach dem Leitgedanken eines inklusiven Schulsystems und dem meritokratischen Prinzip zufolge die gleichen Bildungschancen haben (Becker, R. & Hadjar, A. 2011). Die Voraussetzungen für eine gerechte und nachhaltige Förderung der Schüler*innen ist jedoch nur bedingt möglich, da z.B. nicht ausreichend Personal in den Schulen vorhanden ist, um diese Förderung nach den individuellen Fähigkeiten umzusetzen, aber auch die Professionalisierung der Lehrkräfte im Bereich der Deutschförderung, durchgängiger Sprachbildung und bei der Einbindung der Mehrsprachigkeit noch nicht ausreichend vorhanden ist (Massumi, M. 2019). Es ist daher wichtig, dass Lehrpersonen Verständnis von Prozessen des Spracherwerbs entwickeln, um die Sprachvielfalt im Unterricht zu berücksichtigen (Göbel, K. & Buchwald, P. 2017).

Die Herkunft der Schüler*innen scheint immer noch Einfluss auf den Bildungserfolg der Lernenden zu haben, wie verschiedene Schulleistungsstudien belegen (IGLU, PISA, DESI oder TIMMS; Göbel & Buchwald, P.2017). Eine Gruppe der von Benachteiligung Betroffenen im Bildungssystem sind also Kinder aus Zuwandererfamilien (Matzner, M. 2012; Stanat, P. 2008). Ein wichtiger Baustein zum Bildungserfolg ist der Erwerb der Bildungssprache im Deutschen, da diese im Vergleich zur Alltagssprache eine Voraussetzung für den Erwerb höherer Bildungszertifikate darstellt (Morek, M. & Heller, V. 2012; Schmölzer – Eibinger S. 2013.) Das Beherrschen der Bildungssprache im Deutschen ermöglicht den Lernenden z. B. Aufgabenstellungen besser zu verstehen oder auch ihr Wissen in Prüfungen wiederzugeben. Die Förderung ist in diesem Bereich in der Schule jedoch noch nicht ausreichend vorhanden (Massumi, M. 2019). Das Projekt PROMPT! leistet in diesem Sinne einen wichtigen Beitrag zur Förderung von Bildungsgerechtigkeit und wurde entwickelt, um zum einen geflüchteten Kindern und Jugendlichen, die in Notunterkünften leben und teilweise noch keinen Zugang zum hiesigen Schulsystem haben, ein erstes Bildungsangebot anbieten zu können. Zum anderen neu zugewanderte Schüler*innen in Vorbereitungs- und Internationalen Förderklassen in Kölner Schulen dabei zu unterstützen, schneller am Regelunterricht teilnehmen zu können und Studierende in diesem Feld zu professionalisieren.
In NRW sind geflüchtete Kinder und Jugendliche schulpflichtig, wenn sie „einen Asylantrag gestellt haben, sobald sie einer Gemeinde zugewiesen sind und solange ihr Aufenthalt gestattet ist“ (§ 34 Abs. 6 Schulgesetz NRW). Für viele der in den Notunterkünften lebenden Menschen kann sich der Weg zur Antragsstellung jedoch über mehrere Monate hinziehen. Um den Kindern und Jugendlichen in dieser Lage eine erste Bildungsmöglichkeit anbieten zu können, wurde das Sprachförderprojekt PROMPT! 2014 vom Zentrum für LehrerInnenbildung der Universität zu Köln gemeinsam in Kooperation mit der Stadt Köln und dem Deutschen Roten Kreuz initiiert. Für viele der Kinder und Jugendlichen, die oft keinen Schulplatz zugewiesen bekommen haben, war und ist PROMPT! das einzige Bildungs- und Sprachförderangebot, während ihres Aufenthaltes in der Notunterkunft. Bei „PROMPT! In der Notunterkunft“ unterstützen Lehramtsstudierende im Rahmen ihres obligatorischen Berufsfeldpraktikums Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 6 und 18 Jahren semesterbegleitend beim Spracherwerb im Deutschen sowie teilweise bei der Alphabetisierung. In altershomogenen Kleingruppen unterrichten die Studierenden dabei im Tandem und können so individuell auf die unterschiedlichen Lernbedürfnisse der Kinder und Jugendlichen eingehen. Dadurch soll ihnen auch der Übergang in die Schule (bzw. denen, die einen Schulplatz haben, der Verbleib in der Schule) erleichtert werden. Seit 2017 wurde PROMPT! auch auf die Schule ausgeweitet, weil Schulen einen zunehmenden Unterstützungsbedarf zur individuellen Förderung neu zugewanderter SchülerInnen zurückgemeldet hatten (Massumi, M. 2014).
Seit 2018 wird das Teilprojekt „PROMPT! In der Schule“ gemeinsam mit dem Kommunalen Integrationszentrum Köln (KI) koordiniert. Lehramtsstudierende unterstützen im Rahmen ihres obligatorischen Berufsfeldpraktikums Lehrkräfte in Vorbereitungs- bzw. Internationalen Förderklassen bei der individuellen Förderung neu zugewanderter SchülerInnen an Kölner Schulen. In beiden Teilprojekten werden die Studierenden in einer intensiven Vorbereitungs- und Begleitphase u.a. methodisch-didaktisch, psychologisch und sozialpädagogisch qualifiziert und betreut, so dass sie befähigt werden, den Unterricht adäquat mitzugestalten, individuell zu fördern und eine positive Lernatmosphäre zu schaffen.
Die Projektkoordinatorin seit dem Sommersemester 2019, Barbara Schön, stellt auch den Mehrwert des Projektes in Bezug auf den Umgang mit Diversität im Schulsystem heraus:
„Ein besonderer Aspekt dieses speziellen Berufsfeldpraktikums ist die intensive Begleitphase, innerhalb welcher die Studierenden ihre professionelle LehrerInnenrolle wie auch ihre persönliche Haltung in Bezug auf neu zugewanderte und geflüchtete SchülerInnen im Rahmen unterschiedlicher Anlässe kontinuierlich reflektieren können. Diese multiprofessionell geleitete Begleitung durch das PROMPT!-Team unterstützt die Studierenden bei der Auseinandersetzung mit ihren individuellen Fragestellungen und sichert so den sich durch die gesamte Praktikumsdauer ziehenden qualitativen Charakter des Projekts. Die Begleitevaluation der vergangenen Semester zeigt, dass sich bei fast allen TeilnehmerInnen eine diversitätsbewusste Haltungsveränderung einstellt und sie durch die Teilnahme bei PROMPT! eine erhöhte Selbstwirksamkeit als angehende Lehrkräfte erfahren.“ Das besondere an PROMPT! ist die Betreuung in den Begleitseminaren, wie z.B. Prof. Dr. Karla Verlinden betont: „Die engmaschige Supervision und begleitenden Reflexionsanlässe sensibilisieren die TeilnehmerInnen von PROMPT! in besonderem Maße für die spezifischen Lebenslagen neu zugewanderter Kinder und Jugendlicher auf einer wichtigen Metaebene. Dabei kommen die Klärung traumpädagogischer Fragestellungen sowie der Einsatz von Empowermentstrategien für die Zielgruppe gleichermaßen zum Einsatz.“ In der obligatorischen Peerberatung haben die Studierenden ebenso die Möglichkeit sich zu den Erfahrungen, die sie im Projekt sammeln, auszutauschen.
Linda Müller von Baczko, erfahrene studentische Mitarbeiterin des PROMPT!-Teams und ehemalige Teilnehmerin des Projektes, betont wie die Peerberatungen ein spezielles Vertrauensverhältnis schaffen, indem sich die Teilnehmer*innen auf eine besondere Weise bezüglich ihrer Praktikumserfahrungen öffnen können: „Mein eigenes Erfahrungswissen als ehemalige PROMPT!-Praktikantin ermöglicht es mir, den Studierenden im Rahmen der Peerberatungen offen, glaubwürdig, verständnisvoll und auf Augenhöhe zu begegnen. Dieses besondere Setting, erleichtert es den Studierenden sich zu öffnen und von ihren individuellen Erfahrungen, Sorgen und Gedanken zu berichten. Durch meine praktische Expertise und vor allem durch die Empathie, die ich durch geteilte Erfahrungen aufbringen kann, kommt echte Augenhöhe und somit gegenseitiges Vertrauen zustande. Viele Studierende berichten, dass ein solches Gesprächssetting und die damit verbundene lockere Atmosphäre enorm dazu beitragen, über im Praktikum Erlebtes und vor allem aber auch über sich selbst – und das erachte ich als großen Mehrwert – zu reflektieren.“
Johanna Klingenberg, Lehramtsstudentin und Teilnehmerin am PROMPT! Projekt im Sommersemester 2019 spricht an, dass die Arbeit mit neu zugewanderten Schüler*innen aus ihrer Sicht im Studium noch wenig Platz gefunden hat und betont, wie PROMPT! einen vertieften Blick in die Praxis ermöglicht:
„Mir hat das Praktikum bei PROMPT! einen ganz neuen Einblick ermöglicht. Die Auseinandersetzung mit der Arbeit mit neu zugewanderten Schüler*innen kam im Studium bisher viel zu kurz, obwohl diese Thematik aktuell und allgegenwärtig ist. PROMPT! gibt den Studierenden neue Denkanstöße, die sich nicht nur auf inhaltliche und akademische Leistungen beziehen, sondern auch auf das Thema Integration. Nach diesem Praktikum kann ich mir gut vorstellen, mich später in diesem Bereich zu engagieren.“ Das KI bietet durch die Koordinierungsarbeit mit dem ZfL auch Vernetzungstreffen für Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter*innen der teilnehmenden Schulen an. In jedem Semester wird eine der Kooperationsschulen besucht und mit den Schüler*innen, Lehrkräften und den Studierenden vor Ort über das Projekt gesprochen. Die Schule im Süden, in Meschenich und Immendorf, nimmt seit 2018 an dem Projekt teil. Schülerin A., 9 Jahre, äußert sich auf die Frage ihrer Klassenlehrerin Frau Nieß am Ende des letzten Projektdurchgangs:
„Das macht Spaß. Sie haben mir beim Arbeiten geholfen und wir haben zusammen gespielt. Ich freue mich, wenn die Praktikanten da sind.“
Nicht nur die Schüler*innen äußern sich positiv zum Projekt. Frau Dr. Ursula Tröger, Klassenlehrerin der Willkommensklasse an der Liebfrauenschule Köln berichtet davon, dass sie sehr gute Erfahrungen mit den Praktikanten gemacht haben. „Die LFS nimmt schon zum vierten Mal am Projekt teil und wir haben sehr engagierte Studenten bei uns gehabt, die sehr viel Freude daran hatten, mit den Schüler*innen der Willkommensklasse zu arbeiten. Sie haben auch oft neue Ideen eingebracht, z.B. bzgl. der Verwendung von Lern-Apps. Außerdem ist es für die neu zugewanderten Schülerinnen auch super, Ansprechpartner*innen und Lernhelfer*innen zu haben, die ihnen im Alter etwas näher sind.
Für uns Lehrkräfte in der Willkommensklasse sind die Praktikanten von Prompt eine unschätzbare Hilfe. Hier fehlen – wie überall in der Schule – oft die zeitlichen Ressourcen, die Schüler*innen individuell und nach ihren jeweils eigenen Bedürfnissen zu unterstützen, gerade hier ist aber die Heterogenität bzgl. Alter, Sprachstand und allgemeiner Leistungsfähigkeit besonders groß.
Also insgesamt würde ich sagen, dass alle Beteiligten, und ich hoffe, auch die Studierenden, sehr von diesem Projekt profitieren.“ Bei „PROMPT! In der Schule“ unterstützen Lehramtsstudierende im Rahmen ihres Berufsfeldpraktikums aktuell etwa 22 Kölner Schulen im gesamten Stadtgebiet. Dadurch können rund 400 Schüler*innen in Vorbereitungs- und Internationalen Förderklassen individuell unterstützt werden.
Hier finden Sie weitere Informationen zum Projekt auf der Seite des ZfL: https://zfl.uni-koeln.de/prompt.html

Literatur:
Massumi, M. (2014): Praxisphasen Innovativ Konzepte für die LehrerInnenbildung – Sprachförderung für Kinder und Jugendliche in der Notunterkunft für Flüchtlinge im Rahmen des Berufsfeldpraktikums Das Konzept und bisherige Erfahrungswerte zwischen April 2014 bis Mai 2015. Verfügbar unter: http://www.ub.uni-koeln.de/utils/getfile/collection/edupub/id/199/filename/204.pdf (Stand: 04.09.19).
Massumi, M. (2019). Migration im Schulalter. Systemische Effekte der deutschen Schule und Bewältigungsprozesse migrierter Jugendlicher. Peter Lang Verlag.
Matzner, M. (2012). Migration und Bildung. Daten und Fakten. In Mathner (Hrsg.) Handbuch Migration und Bildung (S.90-101). Weinheim: Beltz.
Morek, M. & Heller, V. (2012). Bildungssprache – Kommunikative, epistemische, soziale und interaktive Aspekte ihres Gebrauchs. Zeitschrift für Angewandte Linguistik, 57 (1), S. 67-101.
Oleschko, S., Krämer, S., Grannemann, K. (2016 c) (Hrsg.). „Sprachsensibles Unterrichten fördern- Angebote für den Vorbereitungsdienst“
Stanat, P. (2008). Heranwachsende mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungswesen. In K.S. Cortina, J. Baumert, A. Leschinsky, K. U. Mayer & L. Trommer (Hrsg.), Das Bildungswesen in der Bildungsrepublik Deutschland: Strukturen und Entwicklungen im Überblick (S.691-705).Hamburg: Rowohlt.
Schmölzer – Eibinger S. (2013). Sprache als Medium des Lernens im Fach. In M. Becker, K. Schramm, E. Thürmann & H.J. Vollmer (Hrsg.), Sprache im Fach. Sprachlichkeit und Fachliches Lernen 8S.25-40). Münster: Waxmann.


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