Sprache, Identität und Integration: Wie schaffen wir intakte, gesunde Gesellschaften („healthy societies“) in Zeiten von Migration? Jim Cummins‘ Vortrag am 23. Januar 2018 zum zehnjährigen Bestehen des ZMI

Sprache, Identität und Integration: Wie schaffen wir intakte, gesunde Gesellschaften („healthy societies“) in Zeiten von Migration? Jim Cummins‘ Vortrag am 23. Januar 2018 zum zehnjährigen Bestehen des ZMI

Georg Aulmann • Artikel im ZMI Magazin 2018 S. 6

Kaum zu glauben: vor achtzig Jahren – längst fuhren Autos auf den Straßen, Flugzeuge flogen, Töne wurden drahtlos übertragen, die Psychoanalyse war erfunden usw. – da sagten noch Leute, die sich als Wissenschaftler empfanden, Zwei- oder Mehrsprachigkeit könne bei Kindern zu Schizophrenie führen. Wie war das möglich? Wo doch seit Jahrhunderten und überall auf der Welt sich zwei- und mehrsprachige Kinder und Erwachsene tummeln, und zwar bei guter geistiger Gesundheit!

Davon, unter anderem, berichtete Jim Cummins. Solche überaus kuriosen Befunde gereichen der Sprachwissenschaft nicht zur Ehre. Sie bestätigen Noam Chomskys Urteil aus dem Jahr 1986: unser heutiges Verständnis von Sprache und Sprachen, so sagte und schrieb er damals, habe noch längst nicht das Niveau erreicht, das etwa die Physik schon im 19. Jahrhundert hatte!
( Ò N. Chomsky, 1986, Language and Problems of Knowledge. The Managua Lectures. Cambridge (Mass.) / London: The MIT Press, p.180)
Eines wiederholte Cummins oft in seinem Vortrag: die Erstsprache ist keinesfalls ein Hindernis, sondern, ganz im Gegenteil, ein unverzichtbares Fundament für den Erwerb weiterer Sprachen. Warum muss man das noch heute, im Januar 2018, als neue Erkenntnis explizit betonen?
Einfach weil der Gedanke „Hindernis“ noch in vielen Köpfen herrscht. Wir müssen also das „Fundament Erstsprache“ weiter betonen, bis die Leute es so sicher wissen wie „vom Regen wird die Erde nass“.
Erstsprache, oder auch Erstsprachen: denn Kinder können durchaus zwei, manchmal sogar drei, Erstsprachen nebeneinander erwerben, etwa wenn ihre Eltern aus zwei verschiedenen Sprachwelten kommen. Entscheidend am Wort ‚Erstsprache‘ ist das ‚Erst-‘, nicht der Singular oder Plural. Kinder erwerben ihre Erstsprache(n), wenn sie, nach der Lall-Phase und längst mit einem hochdifferenzierten Gehör ausgestattet, nun auch beginnen, ihren Stimmapparat für immer höher differenzierte Lautäußerungen einzusetzen, wenn sie also beginnen, mit ihrer Stimme zu fordern, zu benennen, zu wünschen, zu fragen, zu behaupten, zu jubeln, zu schimpfen, zu staunen, zu trauern usw. Ein einmaliger Entwicklungsvorgang in jedem Menschen!
Sprache – Identität – Integration waren die drei Leit-Begriffe in Cummins‘ Vortrag. Leider sind sie kaum kurz und griffig zu definieren, denn alle drei enthalten recht verschiedene Bestandteile. Und welcher Bestandteil gerade im Brennpunkt des Redens steht, machen die Fachleute den Hörern, oder Lesern, nicht immer klar.
Aber intuitiv verstehen wir: Erwerb und Wachstum der Erst-sprache(n) in einem Kind können nicht anders als eng verwoben sein mit der Heranbildung seiner Identität, also mit seinem Selbstwertgefühl, mit seiner Welterfahrung und Selbsterfahrung, mit seiner Welteinschätzung und Selbsteinschätzung. Dies alles wird beschädigt, wenn wir die Erstsprache beiseite schieben.
Solche Überlegungen fehlten in der Wissenschaft der eingangs genannten Wissenschaftler.
Sie forderten damals, Einwanderer sollten ihre Erstsprache am besten komplett abservieren und ihr Sprachgedächtnis nur mit der neuen Landessprache auffüllen.
Aber wie kann man, in einem Menschenleben, einen langsam hoch gewachsenen Eichenwald einfach umsägen, um dann hoch gewachsene Buchen an die Stelle zu setzen? Der Vergleich ist übertrieben, aber das Gewaltsame und Unmögliche der Maßnahme scheint realistisch. Wir sollten immer den Eichenwald stehen lassen und die Buchen daneben pflanzen. Zwei Sprachen sind besser als eine, so das kurze Fazit der Forschung der letzten vierzig Jahre, berichtete Cummins.
Dieses ‚besser‘ ist schon auf den ersten Blick plausibel in unserer Welt, die durch Verkehr, Medien und Digitalisierung immer internationaler wird. Aber auch auf den zweiten Blick. Cummins zeigte Einzelheiten von breit angelegten Studien, die den großen Gewinn belegen, persönlich, emotional und intellektuell, den Kinder aus der Zwei- oder Mehrsprachigkeit ziehen. Wir gefährden diesen Gewinn ganz erheblich, wenn wir dem Kind den Gebrauch jener Sprache austreiben wollen, in der es seine Identität herangebildet hat. Wer die Erstsprache des Kindes respektiert und fördert, der fördert das Kind. Wer sie ablehnt, lehnt das Kind ab. So bündig und hart formulierte es Cummins.
Sehr wohl möglich, dass jene früheren Wissenschaftler Kinder im Blick hatten, die unter so einer Ablehnung litten, die dann Leistungsschwäche zeigten, Eingliederungsprobleme hatten und sich innerlich zurückzogen. Aber eben nicht, weil ihre Erstsprache zum Ballast wurde beim Erwerb der neuen Landessprache. Sondern im Gegenteil, weil man ihnen das Fundament ihrer Erstsprache für weiteres Lernen streitig machte. Hartes Fazit laut Cummins: „What those studies were looking at was the effects of racism.“ Also: nicht ihr Mehrsprachigkeit macht diesem Kindern zu schaffen, sondern vielmehr die rassistische Zurückweisung ihrer Erstsprache.
Wenn wir diesen Zusammenhang akzeptieren, dann stehen wir plötzlich vor einer neuen Verantwortung: die verschiedenen Erstsprachen der Migranten nicht nur wohlwollend zur Kenntnis zu nehmen, sondern vielmehr ihren Gebrauch, ihre weitere Anreicherung in den Kindern zu fördern, in jedem Kind die schon vorhandene Erstsprache fruchtbar zu machen für den Erwerb der neuen Landessprache.
Wie geht das im Einzelnen? Welche Methoden, Kompetenzen, Ressourcen müssen wir einsetzen, oder sogar neu erfinden und uns aneignen? Die Englischlehrerinnen und Englischlehrer, bzw. in Deutschland die Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer, können ja nicht plötzlich Urdu oder Portugiesisch oder Arabisch. Trotzdem sollen sie jetzt diese anderen Sprachen in ihr pädagogisches Handeln aufnehmen. Ja, wie denn?
Die Aufgabe ist neu und keineswegs leicht. Aber zurückweisen dürfen wir sie nicht mehr. Könnten Lehrkräfte der Schulen sich an Kollegen der Universitäten wenden, Wissensbestände anzapfen, die bisher weit ab vom Schulbetrieb gehegt werden? Könnten sie Spezialisten, die sich mit Urdu, Portugiesisch oder Arabisch auskennen, zu aktuellen Schulproblemen konsultieren?
Wären solche Spezialisten willens, sich für Schulprobleme zu öffnen? Man muss es einfach versuchen, vielleicht etwas hartnäckig. In Kanada hat es wohl in mehreren Fällen funktioniert.
Und die neuen Kinder in den Klassen haben ja Eltern, die genau diese Sprachen als Erstsprachen sprechen. Diese Sprachkompetenz von Eltern könnte die Arbeit im Klassenzimmer bereichern und die Eltern ein Stück weit an die Schule binden. Aber wie?
Warten, bis von den Schulbehörden neue Direktiven kommen und dazu Hinweise, wie sie vielleicht befolgt werden könnten? Dann bleibt lange alles beim Alten! Cummins beschrieb exemplarisch konkrete Vorgehensweisen, allesamt Vorstöße einzelner Lehrerinnen und Lehrer oder Schulen, die ohne behördliche Anweisungen tätig wurden.
Etwa Hinweis-Schilder in den Schulen: wo sind Fachräume, Toiletten, Lehrerzimmer, Sekretariat usw. Diese Schilder können mehrsprachig sein, sie können beschriftet sein mit (fast) allen an der Schule gesprochenen Erstsprachen. Die Landessprache steht an erster Stelle, aber ihr folgen weitere, natürlich auch in anderen Schriftzeichen, russischen, chinesischen, griechischen, arabischen … Dergleichen wirkt als Signal an SchülerInnen und ihre die Schule besuchenden Eltern: wir wissen um eure Erstsprache, wollen sie anerkennen und mit euch pflegen.
Bei allen Gelegenheiten die Lernenden und ihre Eltern deutlich ermuntern, zuhause ihre Erst- und Familiensprache immer weiter zu sprechen, als wertvolles geistiges Kapital am Leben zu erhalten!
Schulen könnten kleine Leihbibliotheken einrichten mit Büchern in Urdu, Türkisch, Portugiesisch, Arabisch etc. Wenn der Bibliotheksraum, an zwei oder drei Tagen, auch außerhalb der Unterrichtszeit offen steht, können Eltern und Kinder zum Vorlesen und/oder Ausleihen vorbeikommen.
Ausführlich berichtete Cummins von Einzelinitiativen im Schulbezirk Toronto, in denen Herkunftssprachen der Kinder ganz bewusst und gezielt in die Klassenzimmer-Arbeit einbezogen wurden. Lehrerinnen und Lehrer sorgten etwa dafür, dass zwei oder drei Urdu-Mädchen, die schon länger in Kanada waren und gute Englischkenntnisse hatten, eine Gruppe bildeten mit Neuankömmlingen aus ihrer Heimat, die noch kein Englisch konnten. Zusammen schrieben sie auf Urdu eine kleine Geschichte über ihre Migrationserlebnisse. Wo nötig, konnten die Eltern mit Urdu-Formulierungen helfen. Dann übersetzten die Mädchen die Geschichte ins Englische, die Lehrerin half mit Formulierungen und Korrekturen, bis die Geschichte, einwandfrei formuliert in zwei Sprachen, auf der Homepage der Schule erscheinen konnte. Alle Mädchen, die länger ansässigen wie die Neuankömmlinge, konnten sich als stolze Verfasserinnen fühlen. Und in ihren Köpfen entstand, zwanglos und natürlich, ein zusätzlicher Gewinn: Einsichten über Besonderheiten und Unterschiede von Urdu und Englisch.
All das, so Cummins am Ende, brauche die Bereitschaft aller Beteiligten, Fremdenhass abzubauen und durch Fremdenfreundlichkeit zu ersetzen. Schon die alten Griechen hätten mit ihrem Begriffspaar Xenophobie vs Philoxenie darauf aufmerksam gemacht. Und was er in Köln gesehen habe von der Arbeit des ZMI, weise genau in diese gute Richtung und sei es wert, in Kanada erzählt zu werden.

 

Jim Cummins am 23. Januar 2018 zum zehnjährigen Bestehen des ZMI.
Versuch einer Kurzfassung auf Deutsch, von Georg Aulmann.
Sprache, Identität und Integration:  Wie schaffen wir intakte, gesunde Gesellschaften („healthy societies“) in Zeiten von Migration?

„Wir“ – damit meinte Cummins vor allem die Sprachlehrerinnen und Lehrer. Natürlich, allein schaffen sie keine intakte Gesellschaft. Aber Sprechen (miteinander) und Sprachen (verschiedene) haben sehr viel mit der Gesundheit der Gesellschaft zu tun.
In unserer Erstsprache ist viel von unserer Identität, unserem Selbstwertgefühl verwurzelt. Wir brauchen sie, um uns woanders zu integrieren. Das müssen Sprachlehrer im Kopf behalten.
„Wenn wir wollen, dass unsere SchülerInnen nach zwölf Jahren als intelligente, fantasievolle und sprachfähige Menschen die Schule verlassen, dann müssen wir sie vom ersten Schultag an als intelligent, fantasievoll und sprachfähig behandeln.“
Und das selbst dann, wenn die Kinder am ersten Schultag die Landessprache noch gar nicht oder nur wenig beherrschen, weil sie eben nur mit ihrer Erstsprache im Kopf hier angekommen sind.
Denn was noch vor vierzig Jahren gepredigt wurde – Erstsprache austreiben und dafür die Landessprache eintrichtern – ist nichts als eine Brachialmethode der schwarzen Pädagogik: zynisch und menschenverachtend sowieso, aber dazu noch falsch und ineffektiv.
Dies seinen Zuhörern ganz nahe zu bringen wurde Cummins nicht müde: alle wissenschaftlichen Studien, seit mehr als drei Jahrzehnten, kämen immer zu diesem gleichen Ergebnis.
Die Erstsprache, egal aus welcher Weltgegend sie stammt, ist unersetzbar als Fundament für alle weiteren Sprachen. Wenn sich die Erstsprache in uns umfassend entwickeln kann, dann können im Verbund mit ihr auch weitere Sprachen reichhaltig gedeihen.
Wird die Erstsprache vernachlässigt oder gar verboten, ist der Fortschritt in der Zweitsprache mühsam und das Ergebnis meist dürftig.
Beide müssen – ja: müssen! – für ein gesundes Leben aktiv gepflegt werden, denn „Sprachen sind ein fragiler Besitz“.
Integration geht nicht ohne Landessprache! Wenn diese aber Zweitsprache ist, braucht sie, um zu wachsen, den gut bestellten Boden der Erstsprache. Nur Erstsprache plus Zweitsprache schaffen gute Integration.


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