„Väter lesen vor“ – ein Projekt für Kölner Väter

„Väter lesen vor“ – ein Projekt für Kölner Väter

Gabriele Ceseroglu, Waltraud Reeder-Dertnig und Gian Luca Bonucci • Artikel im ZMI Magazin 2016, S. 32

Die meisten Väter fühlen sich für das Vorlesen nicht zuständig, sondern überlassen diese Aufgabe immer noch weiblichen Personen. Aber gerade Väter sind für ihre Kinder als Lesevorbilder wichtig. Die Stadtbibliothek Köln möchte die Väter mit kreativen Modulen und Ritualen für das Vorlesen motivieren. Lesen und Vorlesen ist für Väter zunächst einmal ein Schlüssel zur Bildung, die Welt der Fiktion ist vielen von ihnen zunächst suspekt. Für die Entwicklung von Empathie und Phantasie ist Vorlesen unerlässlich.

Die Stadtbibliothek Köln führt seit vielen Jahren Veranstaltungen und Projekte zur Leseförderung durch. Im Zentrum steht der Gedanke, das Leben in mehr als einer Kultur und Sprache als Ressource zu nutzen. Bisher lag die Konzeption, Planung und Durchführung der mehrsprachigen Leseförderung und Elternarbeit vorwiegend in weiblicher Hand. Die Teilnehmer der Seminare waren – auch aufgrund des Zeitrahmens am Vormittag – überwiegend Mütter. Die wenigen männlichen Teilnehmer waren in der Regel Multiplikatoren, die das Angebot als Fortbildung für die interkulturelle Arbeit nutzten.
Nicht zuletzt aus diesem Grund wurde immer wieder nach Angeboten zur Förderung der Lese- und Medienkompetenz gefragt, die sich ausdrücklich an Väter richten. Beim Lesen und Vorlesen aus männlicher Perspektive geht es uns um die Vorbildfunktion von Vätern oder anderen männlichen Bezugspersonen und darum, Jungen zum Lesen zu motivieren. Schlagworte wie „Feminisierung des Lesens“ zeigen den Bedarf nach männlichen Lesevorbildern. Bibliothekarinnen und Bibliothekare und Buchhändlerinnen und Buchhändler beobachten bei männlichen Kunden einen zunehmenden Beratungsbedarf zum „Wie“ und „Was“ des Vorlesens.
Die Stadtbibliothek Köln verfügt über die Medien, die Räumlichkeiten und die Erfahrung, um diese „männliche“ Leseförderung zu begleiten. Wir möchten Väter und andere männliche Bezugspersonen mit kreativen Modulen für das Vorlesen begeistern.

Die Projektmodule

Im Folgenden stellen wir drei Veranstaltungsformate vor, die die Stadtbibliothek im Rahmen des vom Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen geförderten „Väterprojektes“ entwickelt und getestet hat. Alle richten sich an Väter und ihre Kinder und finden daher zu Zeiten statt, an denen die Mehrheit der Väter und ihre Kinder gemeinsam Zeit haben, also samstags oder am frühen Abend.

Väter lesen vor: Ein Vormittag für Väter mit ihren Kindern in der Bibliothek
Diese Veranstaltung findet im Projektzeitraum je zweimal in der Zentralbibliothek und einer Stadtteilbibliothek an einem Samstagvormittag statt. Im ersten Teil lesen Fachkräfte den Kindern vor, damit die Väter Ruhe für einen Erfahrungsaustausch mit Experten haben. Diese vermitteln Wissenswertes zum Vorlesen und zur Mehrsprachigkeit in Familie und Gesellschaft. Empfehlungen für Väter-Bücher und altersgemäße Literatur für Jungen und Mädchen werden von Bibliothekaren vorgestellt und von den Vätern untereinander ausgetauscht. Als Anschauungsmaterial wurde für diese Veranstaltungen ein Bestand an Vorlesebüchern für verschiedene Altersgruppen angeschafft. Im Gespräch werden gemeinsam Tipps zum Vorlesen – auch mehrsprachig – und rund um das gemeinsame Lesen mit Kindern entwickelt. Auf Wunsch der Väter kann das Vorlesen mit Unterstützung eines Theaterpädagogen aktiv geübt werden. Zum Abschluss kommen Väter und Kinder wieder zusammen und bei Getränken und Gebäck können einzelne Punkte vertieft oder die neuen Erkenntnisse direkt beim Vorlesen mit den Kindern angewendet werden. Hierfür wurden flexible Vorlesemöbel – flexible Sitzmodule/Sitzkissen in verschiedenen Farben und Formen, die von den Leserinnen und Lesern nach Wunsch zusammengestellt oder auch einzeln genutzt werden können – angeschafft, die das Vorlesen sowohl in großen als auch in kleineren Gruppen ermöglichen.

Tablets und Smartphones sicher gestalten
Dieses Modul richtet sich an technikaffine Väter, in deren Haushalten Smartphone und/oder Tablet-PCs benutzt werden. Unter der fachkundigen Anleitung eines Medienpädagogen lernen die Väter Möglichkeiten der Absicherung von mobilen Geräten mit Internetzugang kennen. Kindliche Neugier soll in diesem Kurs über den kanalisierten Einstieg akzeptiert werden, ohne dass das Kind beeinträchtigenden Inhalten ausgesetzt ist.

Vater-Kind-Kurs: Einstieg ins Internet für Kinder
Hier werden Väter gemeinsam mit ihren Kindern an geeignete Web-Angebote herangeführt. Die Kursteilnehmer lernen die vielfältigen Möglichkeiten des kindgerechten Internets kennen. Der Kurs gibt den Vätern das Rüstzeug mit auf den Weg, um zu Hause einen geschützten Erkundungsraum zu installieren, in dem die Familien sich gemeinsam Medienkompetenz aneignen können.
Die beiden technisch orientierten Module wurden von Experten der Fachstelle für Jugendmedienkultur NRW/ComputerProjekt Köln e. V. durchgeführt.
Leiter Torben Kohring zeigte sich begeistert:
„Das Engagement der Väter, für ihre Kinder ein sicheres Surfumfeld zu schaffen, ist vorbildlich. Für Kinder ist das überaus wichtig. Wir freuen uns, dabei die nötige Unterstützung geben zu können!“
Die Planung und organisatorische Durchführung des Projektes liegt komplett in den Händen der Stadtbibliothek. So können die langjährigen Erfahrungen in der mehrsprachigen Leseförderung und Elternarbeit mit einfließen. Begleitend zu den Veranstaltungen werden von den Fachkolleginnen die Vorlesebücher vorgestellt und Bibliotheksführungen mit persönlicher Beratung angeboten. Bei jeder Veranstaltung werden in einer Pause Erfrischungen für Väter und Kinder angeboten.

Für die Vorleseworkshops standen mit Cem Ünal (Theaterpädagoge und aktiv in der interkulturellen Sozialarbeit mit Kindern und Jugendlichen) und Gian Luca Bonucci (Lehrer für den muttersprachlichen Italienisch-Unterricht an Kölner Schulen) zwei erfahrene bilinguale Experten und Väter zur Verfügung. w
w Die angebotenen interaktiven Module motivierten die Väter, eigene Ideen und Erfahrungen zu äußern und die Workshops zu einem lebendigen Austausch zu machen. Die Durchführung durch männliche Akteure förderte zudem eine Kommunikation „auf Augenhöhe“.

Herr Bonucci kam auf Anregung des Zentrums für Mehrsprachigkeit und Integration ins Projekt. Er brachte sowohl seine beruflichen wie auch seine privaten Erfahrungen in diese Arbeit mit ein. Seine Motivation schildert er so:

„Gerne habe ich hier zugesagt, denn das Thema des Vorlesens spielt in meinem Leben zurzeit beruflich und persönlich eine große Rolle. Beruflich, weil ich seit fünf Jahren Schüler in ihrer Herkunftssprache Italienisch unterrichte, und das Lesen und Vorlesen ihren Erfolg sehr beeinflusst, und persönlich, weil ich einen zweijährigen Sohn habe, mit dem das Vorlesen zu einem heiß geliebten Ritual geworden ist.“ (Zitat aus seinem Bericht)

Herr Ünal begleitet schon seit Beginn als externer Experte die mehrsprachige Leseförderung und Elternarbeit der Stadtbibliothek Köln und war bislang vor allem als Vorleser für die Kinder und als Vorlesecoach für Eltern tätig. In der Zentralbibliothek unterstützte er Herrn Bonucci bei dessen Vorträgen und Gesprächen mit den Eltern, bereicherte diese Gespräche wirkungsvoll mit seinen eigenen Erfahrungen aus seiner Eltern- und Theaterarbeit und moderierte den Austausch der Väter. „Es macht mir einen Riesenspaß den Vätern zu zeigen, wie man spannend vorliest. Durch meine Arbeit als Theaterpädagoge bin ich hier buchstäblich in meinem Element“, so Ünal nach den ersten beiden Väterseminaren.

„Männer unter sich“ und die Bedeutung der Netzwerkarbeit
Die Väter nehmen – auch nach eigener Aussage – die Empfehlungen zum gemeinsamen Lesen mit Kindern oder Wissenswertes zum kindersicheren Umgang mit Medien sehr viel eher von männlichen Fachleuten an. Die Offenheit der Väter, sich auch untereinander auf den Austausch zu den Themen bei den Veranstaltungen einzulassen, war beeindruckend.

Um die Väter für diese Veranstaltungen zu erreichen, musste vor allem die schon seit vielen Jahren bestehende Netzwerkarbeit zu Väternetzwerken intensiviert werden. Hierbei wurden Vorstellungen, Anregungen und Wünsche abgefragt und in die Planung und Erprobung der Väterveranstaltungen eingearbeitet. Väternetzwerke wie die „Kölner Väter e.V.“ konnten als Kooperationspartner gewonnen werden, um die Veranstaltungen in ihren eigenen Netzwerken zu bewerben. Auch hier zeigte sich, dass Väter und Großväter am besten durch Männer ansprechbar und zu motivieren sind, an einem der Vätermodule teilzunehmen. Diese Ansprache über vorhandene Netzwerke ist für den Erfolg des Projektes von zentraler Bedeutung, sie nimmt erheblich mehr Zeit in Anspruch als die Veranstaltungen selbst.

Der Samstagvormittag ist für Veranstaltungen mit Vätern grundsätzlich sehr gut geeignet, da dann ohnehin viele Väter mit ihren Kindern die Bibliothek besuchen. Es hat sich gezeigt, dass sich einige Väter bei direkter Ansprache durchaus überzeugen lassen, spontan an einer Veranstaltung teilzunehmen. Allerdings kommen viele Väter erst nach 11 Uhr, man sollte also den Beginn weiter in die Mittagszeit schieben oder die Veranstaltung komplett am frühen Nachmittag durchführen. Ein begleitendes Programm für die Kinder ist unerlässlich.

Außerdem ist das Projekt besser für Herbst- und Wintertage geeignet, da dann das Angebot an Outdoor-Veranstaltungen und -Aktivitäten nicht so groß ist wie an schönen und heißen Sommertagen – und das Lesen dann auch in den Familien einen größeren Raum einnimmt.
Es gab vereinzelt Kritik von Müttern, die gern an den Angeboten teilgenommen hätten und ihren Unmut darüber äußerten, dass diese Angebote nur für Väter offen waren. Diese Kritik konnte aufgefangen werden mit dem Hinweis, dass es weiterhin regelmäßig Elternveranstaltungen gibt, die für beide Elternteile offen sind.
Trotz großer Anstrengung ist es nicht durchgehend gelungen, Väter aus allen Bildungsschichten in das Projekt einzubinden. Während bei der ersten Pilotveranstaltung „Väter lesen vor“ über den Kinderschutzbund auch Väter mit niedrigen Bildungsabschlüssen erreicht wurden, kamen zu den weiteren Veranstaltungen durchweg Väter mit hohem formalen Bildungsstand. Dies hängt sicher, zumindest teilweise, mit dem Veranstaltungsort zusammen: Die erste Veranstaltung war in einem sozial eher benachteiligten Stadtteil, die folgenden in der Zentralbibliothek. Die letzte Veranstaltung wird wieder in einer Stadtteilbibliothek sein. In diesem Sinne sollte bei der Väterarbeit die Wahl des Veranstaltungsortes besonders beachtet werden.


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