Neu zugewanderte Schülerinnen und Schüler im Übergang – und danach?

Neu zugewanderte Schülerinnen und Schüler im Übergang – und danach?

von Prof. Dr. Nicole Marx • Artikel im ZMI Magazin 2020, S. 11

Allein im letzten Schuljahr besuchten in der Region Köln um die 2.000 neu zugewanderte Schülerinnen und Schüler rund 145 Vorbereitungsklassen in der Primarstufe und der Sekundarstufe I. Diese Lernenden haben für einige Monate, manche bis zu einem Jahr, an vorbereitendem Deutschunterricht teilgenommen, bevor sie voll in die Regelklassen integriert wurden. Sie gehören jetzt – in diesem Schuljahr – zu den „Regelschülerinnen und Regelschülern“ des Kölner Schulsystems. Wie geht es mit ihnen nun nach dem Übergang weiter? Welche schulischen Erfolge haben sie zu verzeichnen und was müssen wir als Beteiligte der Bildungsinstitutionen wissen, um sie weiter zu fördern?

In Deutschland ist die Antwort auf diese Fragen gewissermaßen eine „black box“. Wir wissen fast nichts über die sprachliche und fachliche Weiterentwicklung von neu zugewanderten Schülerinnen und Schülern. Das ist aus unterschiedlichen Gründen problematisch:
(1) Erstens werden Empfehlungen für den Übergang dieser Lernenden in den Regelunterricht ausgesprochen, ohne konkrete Informationen darüber zu haben, ob die sprachlichen Fähigkeiten für eine gleichberechtigte Teilhabe am Unterricht und somit an Bildung ausreichen. Oder anders formuliert: Reicht ein Jahr im Vorbereitungsunterricht aus, damit eine Schülerin, die im Alter von 13 Jahren zugewandert ist, bald den Leistungsdurchschnitt ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler erreicht und eine gute Perspektive auf einen erfolgreichen Schulabschluss hat?
(2) Zweitens ist der sprachliche Erwartungshorizont unklar. Lehrende im Regelunterricht aller Fächer können dementsprechend nicht einschätzen, ob sich Lernende erwartungsgemäß über- oder unterdurchschnittlich weiterentwickeln und ob weitere Fördermaßnahmen empfehlenswert sind.
(3) Und schließlich ist nicht geklärt, ob sich bestimmte Beschulungsmaßnahmen wie z. B. vorgeschaltete Vorbereitungsklassen oder der vollintegrative Unterricht als effektiver erweisen als andere.
Trotz der jahrelangen Erfahrungen mit neu zugewanderten Schülerinnen und Schülern – die erste größere bemerkbare Gruppe kam immerhin vor ca. 50 Jahren ins Land – tappen wir im Bildungssystem diesbezüglich leider immer noch im Dunkeln. Das steht im Kontrast zum Forschungsstand in vielen anderen Ländern, die schon früh in die Erforschung der Bildungsverläufe neu zugewanderter Schülerinnen und Schüler investiert haben und inzwischen wichtige Informationen zu deren Schullaufbahnen und, besonders zentral, zur Effektivität unterschiedlicher Beschulungsmaßnahmen vorweisen können.
Der Mangel an Informationen liegt nicht im Desinteresse der wissenschaftlich Tätigen oder der Bildungspolitik begründet. Vielmehr trägt eine Kombination unterschiedlicher Faktoren dazu bei. Hierzu gehört, dass die Gruppe der neu zugewanderten Schülerinnen und Schüler im Schulsystem oft wenig sichtbar ist, obwohl sie 2019 in NRW bereits ca. 11% der gesamten Schülerinnen- bzw. Schülerpopulation ausmachte. Zudem bündeln auch andere systemische und soziale Veränderungen (wie z. B. Digitalisierung) die Aufmerksamkeit auf unterschiedlichen Ebenen stark. Ein Grund liegt auch darin, dass der wissenschaftliche Zugang zu dieser Gruppe durchaus eine Herausforderung darstellt. So ist eine längerfristige Begleitung dieser Schülerinnen und Schüler auf Grund überdurchschnittlich häufiger Schulwechsel schwierig. Hinzu kommt die extrem hohe Diversität der Zielgruppe in Bezug auf wichtige Faktoren, die den schulischen Erfolg dieser Bildungsteilnehmenden sehr stark beeinflussen können, wie beispielsweise Alter, bisherige schulische Bildungserfahrung, Familiensprachen, familiale Bildungsbiographien oder Fluchterfahrung.
Wenn wir neu zugewanderte Schülerinnen und Schüler erfolgreich in das deutsche Schulsystem aufnehmen und ihnen gute Chancen auf eine schulische und nachschulische Bildung gewährleisten wollen, benötigen wir mehr Informationen. Bislang fokussieren Studien allerdings eher die Beschreibung von Beschulungsmaßnahmen (vgl. Massumi/Dewitz 2015) oder gehen auf sehr spezifische sprachliche Teilkompetenzen ein, die nicht zwingend in direktem Zusammenhang mit sprachlichen und schulischen Leistungen stehen.
Um diese „black box“ etwas zu beleuchten, hat unser Projektteam in den Schuljahren 2016/2017 und 2017/2018 eine Studie an 15 Schulen in Bremen und Hamburg durchgeführt (Marx/Gill/Brosowski 2021). Dabei wurden 653 Sekundarstufenschüler-innen und ‑schüler, darunter 135 neu zugewanderte, zwei Jahre lang in ihrer Leseentwicklung beobachtet. Zu Beginn der Studie waren sie entweder in der 6. oder der 7. Klasse, am Ende standen sie kurz vor dem Abschluss der 7. oder der 8. Klasse. Die neu zugewanderten Schülerinnen und Schüler hatten zu Beginn der Studie bereits einen Vorbereitungsunterricht absolviert, der unterschiedlich lange (von einigen Monaten bis zu einem Jahr) andauerte. Sie waren zum Teil gerade in den Regelunterricht gewechselt, andere besuchten diesen schon länger. In jeder Klasse, in der sich neu zugewanderte Schülerinnen und Schüler befanden, wurde der gesamte Klassenverband getestet, wodurch eine direkte Vergleichsgruppe gegeben war. Zu dieser Vergleichsgruppe der „nicht Zugewanderten“ zählten sowohl Schülerinnen und Schüler mit als auch solche ohne Migrationshintergrund. Damit wurde einer echten, sprachlich und kulturell heterogenen Klassenzusammensetzung Rechnung getragen.
Im Fokus der Studie standen sowohl basale Lesekompetenzen als auch das Leseverstehen in narrativen Texten (Märchen) und in Sachtexten aus dem Biologieunterricht. Wichtig dabei: Wir haben nicht gefragt, ob die neu zugewanderten Schülerinnen und Schüler insgesamt im Laufe der zwei Jahre in diesen Bereichen besser wurden – das nehmen wir an, denn auch nicht zugewanderte Schülerinnen und Schüler verbessern sich vom Anfang der 7. bis zum Ende der 8. Klasse. Sondern wir haben gefragt, ob sich in den ersten zwei Jahren im Regelunterricht die offene „Schere“ zwischen den neu zugewanderten und den nicht zugewanderten Schülerinnen und Schülern zu schließen beginnt – also ob die Leistungsunterschiede sich verringern.
Trotz der recht geringen Anzahl getesteter Schülerinnen und Schüler waren die Unterschiede zwischen den neu zugewanderten und den nicht zugewanderten bei allen Erhebungen sehr groß. Die neu zugewanderten Schülerinnen und Schüler lagen nicht nur in Bezug auf die basale Lesekompetenz und das Leseverstehen mit mindestens einer Standardabweichung deutlich hinter den anderen Regelschülerinnen und Regelschülern; sie begannen auch im Laufe der ersten drei Jahre im deutschen Schulsystem – ein Jahr im Vorbereitungsunterricht und zwei Jahre im Regelunterricht – kaum, diesen Leistungsrückstand aufzuholen. Sie verbesserten sich zwar, aber das taten auch die nicht zugewanderten Schülerinnen und Schüler.
Dieses Ergebnis ist bedenklich. Offenbar unterstützt das derzeitige Schulsystem die neu zugewanderten Bildungsteilnehmenden nicht in dem Maße, das nötig wäre, damit diese Lernenden den erwarteten Leistungsstand erreichen. In vielen Fällen werden sie das Schulsystem verlassen, ohne je die Gelegenheit gehabt zu haben, gleichwertige Bildung und Bildungsabschlüsse erhalten zu können.
Bei dem beschriebenen Forschungsprojekt handelt es sich lediglich um eine einzelne Studie in diesem Feld. Es werden dringend mehr und größer angelegte Studien benötigt. Solche Studien müssen einerseits durch Grundlagenforschung die Erwartungshorizonte der sprachlichen und fachlichen Entwicklung der zugewanderten Bildungsteilnehmenden abstecken. Andererseits werden Bildungsstudien mit Fokus auf Wirkungsforschung benötigt, die Hinweise darauf geben, welche Beschulungsmodelle mit welchen Inhalten in welchem Umfang und welcher zeitlichen Länge bei welchen Lernenden die besten Erfolgschancen versprechen. Bis dahin bleibt die Frage, ob und wie die sprachliche Bildung neu zugewanderter Schülerinnen und Schüler bei und nach dem Übergang in den Regelunterricht gelingen kann, weitgehend unbeantwortet – und deren Förderung und Unterstützung im deutschen Schulsystem damit unzureichend. 

Literaturverzeichnis
Marx, Nicole; Gill, Christian; Brosowski, Tim (2021): „Are migrant students closing the gap? Reading progression in the first years of mainstream education“. In: Studies in Second Language Acquisition (SSLA).
Massumi, Mona; Dewitz, Nora von (2015): Neu zugewanderte Kinder und Jugendliche im deutschen Schulsystem. Bestandsaufnahme und Empfehlungen. Universität zu Köln: Mercator-Institut für Sprachförderung und Deutsch als Zweitsprache und Zentrum für LehrerInnenbildung der Universität zu Köln.


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